Ich freue mich, dass der Forderung, auch Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen Zugang zu den allgemeinbildenden Schulen, hier insbesondere zur entstehenden Gemeinschaftsschule in Werl, zu verschaffen, mehr und mehr öffentliches Gehör zukommt. In der Tat ist dies bereits rechtsverbindlich durch den Artikel 24 des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen garantiert. Insbesondere dieser Teil der Konvention hat den Status eines einfachen Bundesgesetzes.

Dies gilt für Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen, ebenso aber auch für Menschen mit sozialen und emotionalen Förderbedarfen, mit Sinnesbeeinträchtigungen (z.B. Blindheit, Gehörlosigkeit), mit Förderbedarfen im Lernen oder im Bereich der Sprache.

Dieses Übereinkommen der Vereinten Nationen geht von einem Diskriminierungsverbot aus. Das Diskriminierungsverbot „umfasst alle Formen der Diskriminierung, einschließlich der Versagung angemessener Vorkehrungen“ (a.a.O., Artikel 2).

Das Übereinkommen fordert grundsätzlich die Schaffung eines Universellen Designs. Hier „bedeutet „universelles Design“ ein Design von Produkten, Umfeldern, Programmen und Dienstleistungen in der Weise, dass sie von allen Menschen möglichst weitgehend ohne eine Anpassung oder ein spezielles Design genutzt werden können.“ (a.a.O. Artikel 2).

Ich gehe davon aus, dass ein universelles Design eher durch eine Schule sichergestellt ist, die sich konzeptionell zunächst den Bedarfen der Schülerinnen und Schüler stellt, ihres „Kind-seins“, ihrer natürlichen Lernbereitschaft, ihrem Bewegungsdrang, ihren schöpferischen Potetnialen.

Kinder mit und ohne Behinderungen bedürfen einer ganzheitlichen Bildung und einer dem Kompetenzerwerb verpflichteten Pädagogik. Dabei ist der Erwerb von Sachkompetenzen alleine nicht wünschenswert. U.a. soziale, kommunikative, emotionale Kompetenzen werden heute mehr denn je gebraucht, erst recht, wenn eine Gesellschaft dem Leitbild der Nichtaussonderung und des sozialen Zusammenhalts verpflichtet ist.

Schülerinnen und Schüler brauchen Lebensraum in der Schule. Ein Profil für den Schuleingang der Sekundarstufe 1 mit den Profilfächern Musik, Kunst und Sport ist im Rahmen eines universellen Designs des System Schule eine gute Möglichkeit für das gemeinsame Lernen.

Eine Leitungsstruktur, in der die Leitung am operativen Geschäft der Schule, am Unterricht und der Erziehung von Kindern, persönlich beteiligt ist, ist nach meiner Meinung ebenfalls ein Faktor, der sicherstellt, dass Schulleitung die Bedarfe und strukturellen Nachbesserungsnotwendigkeiten, um im Sinne eines Universellen Desings alle Kinder ihrem individuellen Gewordenseins entsprechend zu fördern, sieht und sich entsprechend für die Umsetzung einsetzt. Das geht sicher besser, wenn Leitung auf mehrere Schultern verteilt ist.

Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben. Das Übereinkommen verbietet, dass durch die Umsetzung der Inklusion eine Verschlechterung des bisherigen Standards der Förderung eintritt (Artikel 4(4)). Dies könnte u.a. bedeuten, dass es nicht erlaubt ist, Kinder, die bisher nach dem Lehrerschlüssel 1:4 unterrichtet und gefördert wurden, nun nach dem Schüssel 1:25 zu fördern.

Um Inklusion entsprechend der Konvention im schulischen Bereich umzusetzen, muss Schule sich neu erfinden, und dies – je nach den Bedarfen der Kinder – immer wieder neu. Deshalb halte ich die Einbindung von sonderpädagogisch ausgebildeten Lehrkräften in Leitung und Kollegium von Schule für erforderlich. Es ist zu fordern, den Leitungszirkel der neu zu gründenden Schule um eine sonderpädagogische Lehrkraft zu erweitern.

Schule braucht Konzepte, die den Kindern gerecht werden. Schule braucht NICHT: Kinder, die den Konzepten gerecht werden. Das gilt allgemein, ist aber unter Inklusionsaspekten besonders leicht zu verstehen: Es bedarf einer völlig „anderen Schule“, will sie in blindes Kind gemeinsam mit allen unterrichten als ein Kind mit einer geistigen Behinderung oder eines mit einem Förderbedarf im Bereich der emotionalen Entwicklung. Hier ist ein hohes Maß an pädagogischer Kompetenz – Pädagogik gemeint im Sinne von Bildung UND Erziehung – gefragt. Dies kann nicht in erster Linie durch nicht ausgebildete Seiteneinsteiger geleistet werden.

Ich halte fest an einer Schule, die dem Ziel der Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler verhaftet ist. Mündigkeit im Sinne Adornos bedarf einer Erziehung zum Widerstand und zur Anpassung. Anpassung im Sinne von Realitätsprüfung ist nötig, um sich in der Welt zurechtzufinden. Fragwürdig aber ist eine „Erziehung, die dabei stehen bleibt und nichts anderes als ‘well adjusted people’ produziert, wodurch sich der bestehende Zustand, und zwar gerade in seinem Schlechten, erst recht druchsezt“ (Adorno, Th.W.).

Dr. paed. Wilhelm Günther