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Wilhelm Günther:
Vita Communis - Wege der Integration und Unterstützung von Menschen mit Behinderungen. Erschienen in: Handbuch Integrative Religionspädagogik, Gütersloh 2002, 343-350.
»Die heutigen Christen sind mit Blindheit oder Verkalkung geschlagen, wenn sie die ursprüngliche Berufung der Christen durch das Evangelium, "alles ge- meinsam zu haben", nicht mehr begreifen können« (Frere Roger 1980, 107).
- Integrationsverständnis
- Erlebte Integration
In der Erfahrung von integrativen Prozessen kommt es auf Seiten der be- hinderten wie auch -und vielleicht besonders -der nichtbehinderten Men- schen zu Veränderungen von Deutungsprozessen und zum Überdenken grundsätzlicher Lebensfragen. Integration wird erlebbar, wenn Menschen die gegenseitige Erfahrung tei- len können, wenigstens zeitweise alles oder auch einiges gemeinsam zu ha- ben. In Situationen gelebter Gemeinsamkeit werden Unterschiedlichkeiten im persönlichen Sein und in persönlichen Lebens- und Daseinsdeutungen wahrgenommen. Im gemeinsamen Planen, Handeln, im gegenseitigen Kon- takt zwischen Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften kommt es zu Integrationserfahrungen bei behinderten wie nichtbehinderten Menschen. Dieser Grundgedanke führt zu einem Integrationskonzept, dessen Grund- these die Bedürftigkeit nach direktem menschlichen Kontakt ist. Ein solches kommunikatives Integrationskonzept berührt die erfahrene Lebenswelt aller beteiligten Partner gleichermaßen. Integration, die keine Einbahnstraße sein will, führt nicht den behinder- ten Menschen an mehr oder weniger unreflektierte Gepflogenheiten und vorgebliche Nichtbehindertenstandards gesellschaftlichen Lebens heran. Sie lädt in einem offenen, kommunikativen Prozess ein, sich verführen zu lassen in die Welt eines anderen, um mit diesem -wenigstens einen Au- genblick lang -»alles gemeinsam zu haben«. Das Zusammenleben, die »vita communis«, bietet eine Antwort auf die Herausforderung der Inte- gration. Sie kann verstanden werden als basales, zutiefst menschliches Bedürfnis.
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- Christlich-kommunikative Integration Eine solche Integration setzt die Bedürftigkeit des Menschen nach Getra- gensein, Vertrauen und Lebenszuversicht grundsätzlich voraus. Christlicher Glaube, insoweit er sich versteht als »eine bestimmte -in Jesus Christus gründende -kommunikative Praxis, in der und durch die die gegenseitige Erfahrung unbedingten Erwünscht- und Anerkanntseins mitgeteilt und ge- macht wird« (Fuchs 1982, 166), begründet ein solches kommunikatives Ver- ständnis von Integration und führt heraus aus der Einbahnstraße, die das Bestehende -gerade mit seinen Armseligkeiten -noch verstärken kann. Le- ben nicht heute Menschen, vorgeblich Nichtbehinderte, in einer Welt, in der der Vollzug menschlichen Kontaktes weitgehend technisiert ist? Viele junge Menschen finden ihre persönlichsten Kontakte im Internet. Vereinsamung und Vereinzelung können nicht Ziel eines kommunikativ verstandenen Inte- grationskonzepts sein, im Gegenteil. Im gegenseitigen Kontakt und im un- mittelbaren Erleben von »vita communis« verändert sich die Erfahrungswelt der behinderten wie der nichtbehinderten Menschen -zu beider Gewinn.
- Gestaltete Integration
Es hat sich in der Öffentlichkeit noch nicht überall herumgesprochen, mit welcher Freude und Heiterkeit sich das Zusammenleben in Gemeinschaft verschiedener Menschen, behinderter und nichtbehinderter, gestalten kann. Dies bestätigt Guggenbühl bereits 1853: »Die Behauptung, als sei der Auf- enthalt von gesunden und unterentwickelten Kindern beieinander nachtei- lig, gehört zu den vielen Vorurteilen, welche der Sache Unkundige aufge- bracht haben« (Guggenbühl 1853, 190). Es wird auf beiden Seiten möglich, Wirklichkeitskonstruktionen zu hinterfragen, neue, kreative Deutungsmuster zu finden und die eigenen existenziellen Positionen neu zu definieren- » Wenn (...) Veränderungen ausbleiben, auf Standpunkten verharrt wird und Sichtwechsel abgelehnt werden, dann verhärten sich die Positionen. (...) Und bis heute gibt es Menschen, die ihre Konstruktionen für allgemein gültig und einzig wahr halten« (Miller 1998, 56). Unsere jahrelangen Erfahrungen im Bereich der Integration und UnterstÜt- zung von Menschen mit Behinderungen bestätigen, dass gerade junge nicht - behinderte Menschen, die als ehrenamtliche Mitarbeiter aus oft unreflektier- tem Helferdenken heraus in den Kontakt mit behinderten Menschen gehen, wesentliche Sozialisationserfahrungen machen und sich dadurch Verände- rungen einstellen. Verändert sich nicht die Welt, wenn nur einer seine Positi- on neu definiert? Viele solcher Erfahrungen führen zu einem veränderten ge- sellschaftlichen Bild von Behinderung. Es hat sich in den letzten Jahren in Gesetzgebung und Medien niedergeschlagen. Aus einer »Aktion Sorgenkind« wird eine »Aktion Mensch«, das Diskriminierungsverbot für Menschen mit Behinderung geht in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ein. Ein so verstandenes kommunikatives Integrationskonzept ermutigt zu Wi- derspruch. Es hinterfragt Gängiges. Es ermutigt auszuprobieren, was mög-
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lich ist. Es stößt auf Widerstand, besonders bei etablierten Systemen. Vor- haben werden durch »erfahrene Berater« mit dem Rat begleitet, sich mit denen in Verbindung zu setzen, die bereits zuvor gescheitert sind. Es gilt sich dadurch nicht entmutigen zu lassen, denn solches Verhalten ist durchaus erklärbar: »Systeme sind zuallererst in sich selbst verliebt, sie sind gleichsam von Geburt an narzisstisch oder gar autistisch. Sonst könnten sie nicht die Leistung erbringen, die ihre Organisation von ihnen erwartet: Stabilität und nochmals Stabilität« (Luhmann, zit.n. Huschke- Rhein 1996,36).
- Praxis der Integration
Um den oben beschriebenen integrativen Gedanken umzusetzen, bedarf es vieler kleiner Veränderungen an bestehenden Systemen. Die langjährige Er- fahrung der Arbeit bei GEMEINSAM e.V. (s.u.) zeigt: Am effektivsten sind »additive Veränderungen«. Sie schonen Bestehendes. Sie zeichnen sich da- durch aus, dass sie die Auswahlmöglichkeiten eines Systems ergänzen. Dadurch verändert sich das Lebensweltsystem eines ganzen Gemeinwesens - zumindest aus der Sicht der Nutzerinnen und Nutzer. Dies setzt ein multi- faktorielles, ökosystemisches Verständnis von Zusammenhängen voraus. »Das Ökosystem eines Menschen beschreibt also das gesamte komplexe All- tagsgefüge einer sozialen Gemeinschaft und die Verbindungen zur Umwelt. (...) Dabei wird angenommen, dass alle Funktionen innerhalb eines solchen Systems interdependent sind. Die Veränderung eines Teils des Gefüges ver- ändert das Gefüge insgesamt. Der Mensch ist demnach nicht durch die ihn umgebende >Ökologie< fremdgesteuert, er selbst ist als Untersystem Teil des Gesamtsystems und kann an dessen Gestaltung aktiv teilnehmen« (Günther 1992, 69).
- Vita Communis
Als Konsequenz dieses Integrationskonzeptes haben sich unterschiedliche gemeinschaftliche Lebensbezüge entwickelt, in der die Initiatoren der Idee zusammenleben in der Hoffnung, dass mit der Erfahrung von vita commu- nis als Lebensform eine Energie entsteht, die auf dem Weg der kleinen Schritte die Welt durch Hinzufügen von ermutigenden Irritationen verän- dert. Zugleich mit der Gründung einer »Gemeinschaft vita communis«, die sich als Zentrum und nicht selten als Motor für die sich anschließenden Ak- tivitäten versteht, wurde ein pädagogisches Konzept für eine Einrichtung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen über Tag und Nacht entwickelt, das auch junge Menschen mit Behinderungen nicht ausschließt. Die Einrich- tung wurde, um Stigmatisierungen zu vermeiden, »Jugendhaus Sönnern« genannt.
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- JugendhausSönnern
Im Jugendhaus Sönnern werden junge Menschen mit seelischen und geis- tigen Behinderungen oder neurotischen und psychotischen Problemen un- terstÜtzt mit dem Ziel, individuelle Hilfen zu konstruieren, sodass jeder Einzelne in normalen sozialen Bezügen unter möglichst großer Eigenstän- digkeit als Erwachsener leben kann. Zu diesem Zweck wurden auch von hier aus betreute Wohnformen mit individuell hinreichender Betreuung entwickelt. Zielsetzung der erzieherischen und rehabilitativen Bemühungen ist irn oben beschriebenen Sinne eine Hinführung zu weitgehender Mündigkeit irn Sinne Adornos: »Mündigkeit bedeutet in gewisser Weise so viel wie Bewusstma- chung, Rationalität. Rationalität ist aber immer wesentlich auch Realitäts- prüfung, und diese involviert regeImäßig ein Moment von Anpassung. Er- ziehung wäre ohnmächtig und ideologisch, wenn sie das Anpassungsziel ignorierte und die Menschen nicht darauf vorbereitete, in der Welt sich zu- rechtzufinden. Sie ist aber genau so fragwürdig, wenn sie dabei stehen bleibt und nichts anderes als )weIl adjusted people< produziert, wodurch sich der bestehende Zustand, und zwar gerade in seinem Schlechten, erst recht durchsetzt« (Adorno 1966, 109). Systemmisch verstandene kommunikative In- tegration befasst sich deshalb auch mit Anpassungsleistungen, allerdings werden den Systemen und umweltlichen Bedingungen, wie sie vorgefunden werden, ebenfalls Anpassungsleistungen zugemutet. Der Aufbau eines fÖr- derlichen, therapeutischen Milieus und eines )f Hauses der guten Gerüche« (Bettelheim 1975, 122 ff.) ist deshalb wesentliche Aufgabe der erzieherisch Tätigen. Irn Jugendhaus Sönnern werden häufig Kinder aufgenommen, für die »mit der Herausnahme aus der Familie die Chance für einen Neubeginn ihrer Be- ziehungssituation gegeben« ist (Günther 1992, 79). Bedrohliche Erfahrungen wie Versorgungsmangel, Bedrohung mit Vernichtung und Überwältigung haben bei vielen der Kinder zu neurotischen Abwehrmechanismen geführt, die sich als Behinderung äußern (ebd., 78 ff.). Die langjährige intensive Ar- beit mit den Kindern und Jugendlichen setzt die Kenntnis geeigneter me- thodischer und therapeutischer Interventionen voraus, bedarf aber vor allen Dingen des positiven, therapeutischen Milieus, der »Atmosphäre der innen herrschenden Gemütlichkeit und Freundlichkeit« (Wendt 1990, 175). Vor dem Hintergrund hinreichender fachlicher Förderung und zuverlässiger menschlicher Verbindlichkeit entstehen Integrationsprozesse in das Gemein- wesen. Teilnahme an Festen und Feiern, Mitarbeit in Gremien und Vereinen und Unterstützung der Jugendlichen beim Aufbau von Kontakten sind we- sentliche Aspekte der Integrationsarbeit. Wichtiges Prinzip ist die Überschaubarkeit der Systeme. Gruppengrößen von sechs Jugendlichen, betreut von vier bis fünf MitarbeiterInnen sind notwen- dig und förderlich. Qualitativ hochwertige Erweiterungen des Angebotes sind aufgrund der hohen Nachfrage in Planung.
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- Begegnungsstätte "Tagungshaus am Mühlenbach"
Zur Abrundung des Konzeptes betreibt der Träger der Einrichtungen eine Begegnungsstätte, in der Kontakte geknüpft und Erfahrungsräume genutzt werden können. Durch Werbung im Internet und in einschlägigen Tagungs- hausverzeichnissen kommen unterschiedliche Gruppen oder Schulklassen dorthin, um einige Tage miteinander zu verbringen. Es gibt ein eigenes Bil- dungsangebot und pädagogische, psychotherapeutische sowie religions- pädagogische Fortbildungen für fachlich Interessierte. Die Begegnungsstätte soll sich -so ist es geplant -um einen integrativen Betrieb erweitern. Bei den hier entstehenden Arbeitsplätzen werden Menschen mit Behinderungen nicht ausgeschlossen. Ein Einstieg in kreative Wohnformen für Erwachsene wird vom Überregio- nalen Kostenträger in Nordrhein-Westfalen zurzeit leider nicht gewünscht. Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, dass kleine Systeme mit in- tegrativem Hintergrund dem gesellschaftlichen Anspruch auf Nichtausson- derung am ehesten nachkommen können.
- Gemeinsam e.V. -Kontaktstelle für Menschen mit Behinderungen
Im Rahmen eines weiteren angeschlossenen Trägers werden integrative Maßnahmen unabhängig von den bestehenden Einrichtungen entwickelt und durchgeführt, die im Folgenden näher beschrieben werden.
- Fort- und Weiterbildung
Niemand käme auf die Idee, die Notwendigkeit und damit selbstverständlich das Recht auf lebenslange Fort- und Weiterbildung heute ernsthaft in Frage zu stellen. Kann dies auch z. B. für Menschen mit einer geistigen Behinde- rung gelten? Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, entsprechend methodisch gestaltete Bildungsveranstaltungen -handlungs- und erfahrungsorientiert - zu planen, die dieses Recht auch für behinderte Menschen umsetzen. Die Bildungsveranstaltungen des Gemeinsam e. V. werden gerade durch ihre sehr individuelle und am persönlichen Bedarf orientierte Planung für den Ju- gend- und Erwachsenenbildungsbereich auch für Nichtbehinderte interes- siert angenommen. Es entstehen Formen von Solidarität zwischen Teilneh- menden und ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Das gesamte Bildungsangebot für behinderte und nichtbehinderte Jugendliche wird bis heute von Ehren- amtlichen vorbereitet und durchgeführt. Es entstehen langfristige Beziehun- gen ebenso wie flüchtige Begegnungen. Mehrdimensionale Bildungsprozesse entwickeln sich, die alle Beteiligten herausfordern, die Welt zu verstehen und die Menschen zu lehren. Viele Veranstaltungen stehen unter einer lebenspraktischen, kreativ-künst- lerischen oder auch politischen Themenstellung. Es gibt Selbstverteidi-
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gungskurse für Mädchen und Frauen, Kochkurse, wochenendveranstaltun- gen zu historischen, politischen oder musikalischen Themenbereichen.
- Eltern- und Bezugspersonen
Eltern und Bezugspersonen reagieren zunächst skeptisch. Im persönlichen Kontakt erst ergeben sich Haltungen von Vertrauen und Respekt. Viele Müt- ter reden über Schuldgefühle. Eine Behinderung, entstanden durch sauer- stoffmangel während der Geburt, wird als persönliches Versagen gedeutet. Loslassen und Festhalten werden zu wichtigen Themen in der UnterstÜt- zungsarbeit für die Eltern. Sorge, Trauer und Scham werden immer wieder deutlich. Viele machen die Erfahrung, dass es »keinem der Ärzte und Heb- ammen, keinem aus dem Freundes- und Bekanntenkreis und niemandem aus den Familien in den Sinn kam, (...) meinen Sohn mit mir willkommen zu heißen, geschweige denn, (...) mit Worten, die der Situation angemessen wa- ren, zu gratulieren« (Schirk 1998, 116). Im Kontakt entsteht Teilnahme. Aus der Solidarität entsteht Heilung der in- neren Verwundungen, und gemeinsame Fragen, auch wenn sie unbeantwor- tet bleiben, ermutigen zu Leidensfähigkeit (Kollmann 1998, 68ff.). -Es wer- den Pläne geschmiedet, Vorstellungen und Träume ausgetauscht, und in dem entstehenden Klima von Hoffnung und Mut wird manches erfahren, was weiterentwickelt werden kann.
- Urlaubsangebote
GEMEINSAM e.V. bietet Urlaubsreisen mit Betreuung an. Dabei wird das Maß der notwendigen Betreuung individuell -bis zu einem Verhältnis von 1: 1 -gewährleistet. Meist reisen Gruppen von zwischen zehn und 20 Perso- nen zusammen. Die gemeinsamen Reisen ins In- und Ausland beginnen mit einem gemeinsamen Vorwochenende. Alle Teilnehmenden und ehrenamtlich Mitarbeitenden können sich hier kennen lernen und ggf. notwendigen Be- darf nachmelden. Die Urlaubsreise kann so optimal durchgeführt werden. Es können mittlerweile über 2000 Teilnehmertage pro Jahr angeboten werden.
- Maßnahmen der Eingliederungshilfe
Auch im nicht-ehrenamtlichen, professionellen Rahmen werden die Integra- tionsbemÜhungen fortgesetzt. So konnten zwei Angebote etabliert werden: das sozialpädagogisch betreute Wohnen für Menschen mit Behinderungen und der familienunterstützende Dienst.
- Sozialpädagogisch betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderungen Ist Betreuung und eigenständiges Wohnen ein Widerspruch in sich? Ist es nicht der Irrtum schlechthin, von Integration zu reden und professionelle Hilfeleistungen vorzuenthalten?
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Gerade die individuell vereinbarten professionellen Hilfen ermöglichen es vielen Menschen mit Behinderungen, ein Leben in normalen Bezügen leben zu können. Hierbei wird das Selbstbestimmungsvermögen des Einzelnen so weit wie möglich ernst genommen. Die professionellen Hilfen verstehen sich als Unterstützung, in gewisser Weise als Assistenzen. Hier können in Einzelfällen durchaus psychosoziale Hilfen abgerufen werden, auch erzie- herische, organisatorisch-administrative Hilfen oder Trainingsprogramme für bestimmte Lebensbereiche. Die Bandbreite der Aufgaben ist groß. Eine Besonderheit des Betreuungsangebotes besteht darin, dass die Betreuung am Wohnort der entsprechenden Person stattfinden kann. Dies kann eine eigene Wohnung oder eine Gemeinschaft, aber auch die elterliche Familie sein.
- Familien unterstützender Dienst Familienunterstützende Dienste werden von Honorarkräften oder professio- nellen Kräften durchgeführt. Sie dienen dazu, das individuelle familiäre Setting zu entlasten. Die betroffenen behinderten Menschen sehen in der familienentlastenden Betreuung in allen Fällen eine persönliche Entlastung von (auch beim besten Willen oft so erlebten) Fürsorglichkeiten, die le- bensgeschichtlich ab einem bestimmten Alter oft Hauptkonfliktpotenzial zwischen Eltern und Kindern sind. Mit dieser Doppelfunktion gehen die Mitarbeiter auf unspektakuläre und häufig sehr humorvolle Weise um. Ein familienunterstützender Dienst, der mehr sein will als »rehabilitationspäda- gogischer Babysitterdienst« nimmt das gesamte System Familie in den Blick. Auch hier kommt es zu einer Form additiver Veränderung. Es entste- hen »neue Deutlichkeiten«. Sowohl die Eltern als auch deren oft längst er- wachsene Kinder beginnen, verursacht durch die Möglichkeiten des Ab- standes, sich selbst und ihre Rolle sowie ihre Zukunftsvorstellung neu zu definieren.
- Ermutigung
»Die Bemühung nach Überwindung der Angst vor Ablehnung und das Suchen nach so lange entbehrter Bejahung ist selbstverständlich keine Be- sonderheit von Menschen mit Behinderungen« (Günther 1998, 152). Eine kommunikativ verstandene Integration ist verknüpft mit persönlichen Deu- tungsprozessen aller Beteiligten. Unterstützungssysteme entwickeln sich am konkreten Bedarf, der sich in direkten, körpernahen Kontakten begreifbar macht (ebd.). Der Zeitgeist der Vereinzelung und Vereinsamung hinter den Bildschirmen und der Digitalisierung der Kontakte erträgt keine Irritationen. »Die Angst vor der Konfrontation mit behinderten Menschen als Rationali- sierung der Angst vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Begrenztheit und schicksalhaften Abhängigkeit (...) führte und führt zu einer Ausgren-
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zung von Behinderten (...) Irritationen in wirtschaftlichen und sozialen ge- sellschaftlichen Bezügen durch die Konfrontation mit behinderten Men- schen sollen scheinbar ausgeräumt werden« (Günther 1994, 171). Dieser Tendenz und gleichzeitig diesen heimlichen Ängsten steht Integration entgegen. So gesehen bedeutet sie: Integration unserer Begrenztheit, unserer Schwachheit und unserer Fehlerhaftigkeit. Sie bedeutet Aufgenommensein in die vita communis des Alltags, in all diejenigen Bezüge, in denen Men- schen »alles miteinander teilen«, sie bedeutet Mut und Lebensfreude, auch Schicksalsschläge. So können wir die Zusage des unbedingten Erwünscht- und Anerkanntseins im menschlichen Kontakt immerhin erahnen.
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Literatur:
ADORNO, THEODOR W., Erziehung -wozu?, in: Adorno, TheodoT W., Erziehung Zur Mündigkeit, Frankfurt a.M. 1971, 105-120.
BETTELHEIM, BRUNO, Der Weg aus dem labyrinth. leben lernen als Therapie, Stuttgart 1975.
FRERE ROGER, Im Heute Gottes leben, Freiburg i.BT. u. a. 1980.
FUCHS, GOTTHARD, Roter Faden Theologie. Eine Skizze zur Orientierung, in: Katechetische Blätter 107 (1982), H. 3, 165-181.
GÜNTHER, WILHELM, Pädagogische Musiktherapie mit Kindern in Heimeinrichtungen, Essen 1992.
GÜNTHER, WILHELM, Pädagogische Musiktherapie bei geistiger Behinderung aufgrund von emotionalen Überwältigungserlebnissen, in: Adam, Gottfried/Kollmann, Roland/ Pithan, Annebelle (Hg.), »Normal ist, verschieden zu sein«. Das Menschenbild in seiner Bedeutung für religionspädagogisches und sonderpädagogisches Handeln. Dokumentationsband des Vierten Würzburger Religionspädagogischen Symposiums, Münster 1994, 171-182.
GÜNTHER, WILHELM: Helfende Nähe. KörperOrientierte Interventionen bei seelischer Behinderung, in: Adam, Gottfried/Kollmann, Roland/Pithan, Annebelle (Hg.), Mit leid umgehen. Dokumentationsband des Sechsten Würzburger Religionspädagogischen Symposiums, Münster 1998, 151-159.
GUGGENBÜHL, JOHANN JAKOB, Die Heilung und Verhütung des Cretinismus und ihre neuesten Fortschritte, Bern u. a. 1853.
HUSCHKE-RBEIN, ROLF, Lernen, leben, Überleben, in: Voß, Reinnard (Hg.), Die Schule neu erfinden, Neuwied 1996, 33-55.
KOLLMANN, ROLAND, Der gute Gott und das Leid. Eine Meditation, in: Adam, Gottfried/ Kollmann, Roland/Pithan, Annebelle (Hg.), Mit leid umgenen. Dokumentationsband des Sechsten Würzburger Religionspädagogischen Symposiums, Münster 1998, 63-69.
MILLER, REINHOLD, Beziehungsdidaktik, Weinheim u. a. 1998.
SCHIRK, HOLGER, Trauer und Behinderung, in: Adam, Gottfried/Kollmann, Roland/Pithan, Annebelle (Hg.), Mit leid umgenen. Dokumentationsband des Sechsten Würzburger Religionspädagogischen Symposiums, Münster 1998, 111- 118.
WENDT, WOLF RAINER, Ökosozial denken und handeln. Grundlagen und Anwendungen in der Sozialarbeit, Freiburg i.BT. 1990.
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