WEGE ZUR INTEGRATION

Wilhelm Günther:

Vita Communis - Wege der Integration und Unterstützung von Menschen mit Behinderungen.
Erschienen in: Handbuch Integrative Religionspädagogik, Gütersloh 2002, 343-350.


»Die heutigen Christen sind mit Blindheit oder Verkalkung geschlagen, wenn
sie die ursprüngliche Berufung der Christen durch das Evangelium, "alles ge-
meinsam zu haben", nicht mehr begreifen können« (Frere Roger 1980, 107).

- Integrationsverständnis


- Erlebte Integration

In der Erfahrung von integrativen Prozessen kommt es auf Seiten der be-
hinderten wie auch -und vielleicht besonders -der nichtbehinderten Men-
schen zu Veränderungen von Deutungsprozessen und zum Überdenken
grundsätzlicher Lebensfragen.
Integration wird erlebbar, wenn Menschen die gegenseitige Erfahrung tei-
len können, wenigstens zeitweise alles oder auch einiges gemeinsam zu ha-
ben. In Situationen gelebter Gemeinsamkeit werden Unterschiedlichkeiten
im persönlichen Sein und in persönlichen Lebens- und Daseinsdeutungen
wahrgenommen. Im gemeinsamen Planen, Handeln, im gegenseitigen Kon-
takt zwischen Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften kommt es zu
Integrationserfahrungen bei behinderten wie nichtbehinderten Menschen.
Dieser Grundgedanke führt zu einem Integrationskonzept, dessen Grund-
these die Bedürftigkeit nach direktem menschlichen Kontakt ist. Ein solches
kommunikatives Integrationskonzept berührt die erfahrene Lebenswelt aller
beteiligten Partner gleichermaßen.
Integration, die keine Einbahnstraße sein will, führt nicht den behinder-
ten Menschen an mehr oder weniger unreflektierte Gepflogenheiten und
vorgebliche Nichtbehindertenstandards gesellschaftlichen Lebens heran.
Sie lädt in einem offenen, kommunikativen Prozess ein, sich verführen zu
lassen in die Welt eines anderen, um mit diesem -wenigstens einen Au-
genblick lang -»alles gemeinsam zu haben«. Das Zusammenleben, die
»vita communis«, bietet eine Antwort auf die Herausforderung der Inte-
gration. Sie kann verstanden werden als basales, zutiefst menschliches
Bedürfnis.



- Christlich-kommunikative Integration
Eine solche Integration setzt die Bedürftigkeit des Menschen nach Getra-
gensein, Vertrauen und Lebenszuversicht grundsätzlich voraus. Christlicher
Glaube, insoweit er sich versteht als »eine bestimmte -in Jesus Christus
gründende -kommunikative Praxis, in der und durch die die gegenseitige
Erfahrung unbedingten Erwünscht- und Anerkanntseins mitgeteilt und ge-
macht wird« (Fuchs 1982, 166), begründet ein solches kommunikatives Ver-
ständnis von Integration und führt heraus aus der Einbahnstraße, die das
Bestehende -gerade mit seinen Armseligkeiten -noch verstärken kann. Le-
ben nicht heute Menschen, vorgeblich Nichtbehinderte, in einer Welt, in der
der Vollzug menschlichen Kontaktes weitgehend technisiert ist? Viele junge
Menschen finden ihre persönlichsten Kontakte im Internet. Vereinsamung
und Vereinzelung können nicht Ziel eines kommunikativ verstandenen Inte-
grationskonzepts sein, im Gegenteil. Im gegenseitigen Kontakt und im un-
mittelbaren Erleben von »vita communis« verändert sich die Erfahrungswelt
der behinderten wie der nichtbehinderten Menschen -zu beider Gewinn.


- Gestaltete Integration

Es hat sich in der Öffentlichkeit noch nicht überall herumgesprochen, mit
welcher Freude und Heiterkeit sich das Zusammenleben in Gemeinschaft
verschiedener Menschen, behinderter und nichtbehinderter, gestalten kann.
Dies bestätigt Guggenbühl bereits 1853: »Die Behauptung, als sei der Auf-
enthalt von gesunden und unterentwickelten Kindern beieinander nachtei-
lig, gehört zu den vielen Vorurteilen, welche der Sache Unkundige aufge-
bracht haben« (Guggenbühl 1853, 190). Es wird auf beiden Seiten möglich,
Wirklichkeitskonstruktionen zu hinterfragen, neue, kreative Deutungsmuster
zu finden und die eigenen existenziellen Positionen neu zu definieren-
» Wenn (...) Veränderungen ausbleiben, auf Standpunkten verharrt wird und
Sichtwechsel abgelehnt werden, dann verhärten sich die Positionen. (...) Und
bis heute gibt es Menschen, die ihre Konstruktionen für allgemein gültig
und einzig wahr halten« (Miller 1998, 56).
Unsere jahrelangen Erfahrungen im Bereich der Integration und UnterstÜt-
zung von Menschen mit Behinderungen bestätigen, dass gerade junge nicht -
behinderte Menschen, die als ehrenamtliche Mitarbeiter aus oft unreflektier-
tem Helferdenken heraus in den Kontakt mit behinderten Menschen gehen,
wesentliche Sozialisationserfahrungen machen und sich dadurch Verände-
rungen einstellen. Verändert sich nicht die Welt, wenn nur einer seine Positi-
on neu definiert? Viele solcher Erfahrungen führen zu einem veränderten ge-
sellschaftlichen Bild von Behinderung. Es hat sich in den letzten Jahren in
Gesetzgebung und Medien niedergeschlagen. Aus einer »Aktion Sorgenkind«
wird eine »Aktion Mensch«, das Diskriminierungsverbot für Menschen mit
Behinderung geht in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ein.
Ein so verstandenes kommunikatives Integrationskonzept ermutigt zu Wi-
derspruch. Es hinterfragt Gängiges. Es ermutigt auszuprobieren, was mög-

lich ist. Es stößt auf Widerstand, besonders bei etablierten Systemen. Vor-
haben werden durch »erfahrene Berater« mit dem Rat begleitet, sich mit
denen in Verbindung zu setzen, die bereits zuvor gescheitert sind. Es gilt
sich dadurch nicht entmutigen zu lassen, denn solches Verhalten ist
durchaus erklärbar: »Systeme sind zuallererst in sich selbst verliebt, sie
sind gleichsam von Geburt an narzisstisch oder gar autistisch. Sonst
könnten sie nicht die Leistung erbringen, die ihre Organisation von ihnen
erwartet: Stabilität und nochmals Stabilität« (Luhmann, zit.n. Huschke-
Rhein 1996,36).


- Praxis der Integration

Um den oben beschriebenen integrativen Gedanken umzusetzen, bedarf es
vieler kleiner Veränderungen an bestehenden Systemen. Die langjährige Er-
fahrung der Arbeit bei GEMEINSAM e.V. (s.u.) zeigt: Am effektivsten sind
»additive Veränderungen«. Sie schonen Bestehendes. Sie zeichnen sich da-
durch aus, dass sie die Auswahlmöglichkeiten eines Systems ergänzen.
Dadurch verändert sich das Lebensweltsystem eines ganzen Gemeinwesens -
zumindest aus der Sicht der Nutzerinnen und Nutzer. Dies setzt ein multi-
faktorielles, ökosystemisches Verständnis von Zusammenhängen voraus.
»Das Ökosystem eines Menschen beschreibt also das gesamte komplexe All-
tagsgefüge einer sozialen Gemeinschaft und die Verbindungen zur Umwelt.
(...) Dabei wird angenommen, dass alle Funktionen innerhalb eines solchen
Systems interdependent sind. Die Veränderung eines Teils des Gefüges ver-
ändert das Gefüge insgesamt. Der Mensch ist demnach nicht durch die ihn
umgebende >Ökologie< fremdgesteuert, er selbst ist als Untersystem Teil des
Gesamtsystems und kann an dessen Gestaltung aktiv teilnehmen« (Günther
1992, 69).



- Vita Communis

Als Konsequenz dieses Integrationskonzeptes haben sich unterschiedliche
gemeinschaftliche Lebensbezüge entwickelt, in der die Initiatoren der Idee
zusammenleben in der Hoffnung, dass mit der Erfahrung von vita commu-
nis als Lebensform eine Energie entsteht, die auf dem Weg der kleinen
Schritte die Welt durch Hinzufügen von ermutigenden Irritationen verän-
dert. Zugleich mit der Gründung einer »Gemeinschaft vita communis«, die
sich als Zentrum und nicht selten als Motor für die sich anschließenden Ak-
tivitäten versteht, wurde ein pädagogisches Konzept für eine Einrichtung
zum Schutz von Kindern und Jugendlichen über Tag und Nacht entwickelt,
das auch junge Menschen mit Behinderungen nicht ausschließt. Die Einrich-
tung wurde, um Stigmatisierungen zu vermeiden, »Jugendhaus Sönnern«
genannt.

- JugendhausSönnern

Im Jugendhaus Sönnern werden junge Menschen mit seelischen und geis-
tigen Behinderungen oder neurotischen und psychotischen Problemen un-
terstÜtzt mit dem Ziel, individuelle Hilfen zu konstruieren, sodass jeder
Einzelne in normalen sozialen Bezügen unter möglichst großer Eigenstän-
digkeit als Erwachsener leben kann. Zu diesem Zweck wurden auch von
hier aus betreute Wohnformen mit individuell hinreichender Betreuung
entwickelt.
Zielsetzung der erzieherischen und rehabilitativen Bemühungen ist irn oben
beschriebenen Sinne eine Hinführung zu weitgehender Mündigkeit irn Sinne
Adornos: »Mündigkeit bedeutet in gewisser Weise so viel wie Bewusstma-
chung, Rationalität. Rationalität ist aber immer wesentlich auch Realitäts-
prüfung, und diese involviert regeImäßig ein Moment von Anpassung. Er-
ziehung wäre ohnmächtig und ideologisch, wenn sie das Anpassungsziel
ignorierte und die Menschen nicht darauf vorbereitete, in der Welt sich zu-
rechtzufinden. Sie ist aber genau so fragwürdig, wenn sie dabei stehen
bleibt und nichts anderes als )weIl adjusted people< produziert, wodurch sich
der bestehende Zustand, und zwar gerade in seinem Schlechten, erst recht
durchsetzt« (Adorno 1966, 109). Systemmisch verstandene kommunikative In-
tegration befasst sich deshalb auch mit Anpassungsleistungen, allerdings
werden den Systemen und umweltlichen Bedingungen, wie sie vorgefunden
werden, ebenfalls Anpassungsleistungen zugemutet. Der Aufbau eines fÖr-
derlichen, therapeutischen Milieus und eines )f Hauses der guten Gerüche«
(Bettelheim 1975, 122 ff.) ist deshalb wesentliche Aufgabe der erzieherisch
Tätigen.
Irn Jugendhaus Sönnern werden häufig Kinder aufgenommen, für die »mit
der Herausnahme aus der Familie die Chance für einen Neubeginn ihrer Be-
ziehungssituation gegeben« ist (Günther 1992, 79). Bedrohliche Erfahrungen
wie Versorgungsmangel, Bedrohung mit Vernichtung und Überwältigung
haben bei vielen der Kinder zu neurotischen Abwehrmechanismen geführt,
die sich als Behinderung äußern (ebd., 78 ff.). Die langjährige intensive Ar-
beit mit den Kindern und Jugendlichen setzt die Kenntnis geeigneter me-
thodischer und therapeutischer Interventionen voraus, bedarf aber vor allen
Dingen des positiven, therapeutischen Milieus, der »Atmosphäre der innen
herrschenden Gemütlichkeit und Freundlichkeit« (Wendt 1990, 175).
Vor dem Hintergrund hinreichender fachlicher Förderung und zuverlässiger
menschlicher Verbindlichkeit entstehen Integrationsprozesse in das Gemein-
wesen. Teilnahme an Festen und Feiern, Mitarbeit in Gremien und Vereinen
und Unterstützung der Jugendlichen beim Aufbau von Kontakten sind we-
sentliche Aspekte der Integrationsarbeit.
Wichtiges Prinzip ist die Überschaubarkeit der Systeme. Gruppengrößen von
sechs Jugendlichen, betreut von vier bis fünf MitarbeiterInnen sind notwen-
dig und förderlich. Qualitativ hochwertige Erweiterungen des Angebotes
sind aufgrund der hohen Nachfrage in Planung.

- Begegnungsstätte "Tagungshaus am Mühlenbach"

Zur Abrundung des Konzeptes betreibt der Träger der Einrichtungen eine
Begegnungsstätte, in der Kontakte geknüpft und Erfahrungsräume genutzt
werden können. Durch Werbung im Internet und in einschlägigen Tagungs-
hausverzeichnissen kommen unterschiedliche Gruppen oder Schulklassen
dorthin, um einige Tage miteinander zu verbringen. Es gibt ein eigenes Bil-
dungsangebot und pädagogische, psychotherapeutische sowie religions-
pädagogische Fortbildungen für fachlich Interessierte. Die Begegnungsstätte
soll sich -so ist es geplant -um einen integrativen Betrieb erweitern. Bei
den hier entstehenden Arbeitsplätzen werden Menschen mit Behinderungen
nicht ausgeschlossen.
Ein Einstieg in kreative Wohnformen für Erwachsene wird vom Überregio-
nalen Kostenträger in Nordrhein-Westfalen zurzeit leider nicht gewünscht.
Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, dass kleine Systeme mit in-
tegrativem Hintergrund dem gesellschaftlichen Anspruch auf Nichtausson-
derung am ehesten nachkommen können.



- Gemeinsam e.V. -Kontaktstelle für Menschen mit Behinderungen

Im Rahmen eines weiteren angeschlossenen Trägers werden integrative
Maßnahmen unabhängig von den bestehenden Einrichtungen entwickelt
und durchgeführt, die im Folgenden näher beschrieben werden.


- Fort- und Weiterbildung

Niemand käme auf die Idee, die Notwendigkeit und damit selbstverständlich
das Recht auf lebenslange Fort- und Weiterbildung heute ernsthaft in Frage
zu stellen. Kann dies auch z. B. für Menschen mit einer geistigen Behinde-
rung gelten? Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, entsprechend methodisch
gestaltete Bildungsveranstaltungen -handlungs- und erfahrungsorientiert -
zu planen, die dieses Recht auch für behinderte Menschen umsetzen. Die
Bildungsveranstaltungen des Gemeinsam e. V. werden gerade durch ihre sehr
individuelle und am persönlichen Bedarf orientierte Planung für den Ju-
gend- und Erwachsenenbildungsbereich auch für Nichtbehinderte interes-
siert angenommen. Es entstehen Formen von Solidarität zwischen Teilneh-
menden und ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Das gesamte Bildungsangebot
für behinderte und nichtbehinderte Jugendliche wird bis heute von Ehren-
amtlichen vorbereitet und durchgeführt. Es entstehen langfristige Beziehun-
gen ebenso wie flüchtige Begegnungen. Mehrdimensionale Bildungsprozesse
entwickeln sich, die alle Beteiligten herausfordern, die Welt zu verstehen
und die Menschen zu lehren.
Viele Veranstaltungen stehen unter einer lebenspraktischen, kreativ-künst-
lerischen oder auch politischen Themenstellung. Es gibt Selbstverteidi-

gungskurse für Mädchen und Frauen, Kochkurse, wochenendveranstaltun-
gen zu historischen, politischen oder musikalischen Themenbereichen.


- Eltern- und Bezugspersonen

Eltern und Bezugspersonen reagieren zunächst skeptisch. Im persönlichen
Kontakt erst ergeben sich Haltungen von Vertrauen und Respekt. Viele Müt-
ter reden über Schuldgefühle. Eine Behinderung, entstanden durch sauer-
stoffmangel während der Geburt, wird als persönliches Versagen gedeutet.
Loslassen und Festhalten werden zu wichtigen Themen in der UnterstÜt-
zungsarbeit für die Eltern. Sorge, Trauer und Scham werden immer wieder
deutlich. Viele machen die Erfahrung, dass es »keinem der Ärzte und Heb-
ammen, keinem aus dem Freundes- und Bekanntenkreis und niemandem aus
den Familien in den Sinn kam, (...) meinen Sohn mit mir willkommen zu
heißen, geschweige denn, (...) mit Worten, die der Situation angemessen wa-
ren, zu gratulieren« (Schirk 1998, 116).
Im Kontakt entsteht Teilnahme. Aus der Solidarität entsteht Heilung der in-
neren Verwundungen, und gemeinsame Fragen, auch wenn sie unbeantwor-
tet bleiben, ermutigen zu Leidensfähigkeit (Kollmann 1998, 68ff.). -Es wer-
den Pläne geschmiedet, Vorstellungen und Träume ausgetauscht, und in
dem entstehenden Klima von Hoffnung und Mut wird manches erfahren,
was weiterentwickelt werden kann.


- Urlaubsangebote

GEMEINSAM e.V. bietet Urlaubsreisen mit Betreuung an. Dabei wird das
Maß der notwendigen Betreuung individuell -bis zu einem Verhältnis von
1: 1 -gewährleistet. Meist reisen Gruppen von zwischen zehn und 20 Perso-
nen zusammen. Die gemeinsamen Reisen ins In- und Ausland beginnen mit
einem gemeinsamen Vorwochenende. Alle Teilnehmenden und ehrenamtlich
Mitarbeitenden können sich hier kennen lernen und ggf. notwendigen Be-
darf nachmelden. Die Urlaubsreise kann so optimal durchgeführt werden. Es
können mittlerweile über 2000 Teilnehmertage pro Jahr angeboten werden.


- Maßnahmen der Eingliederungshilfe

Auch im nicht-ehrenamtlichen, professionellen Rahmen werden die Integra-
tionsbemÜhungen fortgesetzt. So konnten zwei Angebote etabliert werden:
das sozialpädagogisch betreute Wohnen für Menschen mit Behinderungen
und der familienunterstützende Dienst.


- Sozialpädagogisch betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderungen
Ist Betreuung und eigenständiges Wohnen ein Widerspruch in sich? Ist es
nicht der Irrtum schlechthin, von Integration zu reden und professionelle
Hilfeleistungen vorzuenthalten?

Gerade die individuell vereinbarten professionellen Hilfen ermöglichen es
vielen Menschen mit Behinderungen, ein Leben in normalen Bezügen leben
zu können. Hierbei wird das Selbstbestimmungsvermögen des Einzelnen so
weit wie möglich ernst genommen. Die professionellen Hilfen verstehen
sich als Unterstützung, in gewisser Weise als Assistenzen. Hier können in
Einzelfällen durchaus psychosoziale Hilfen abgerufen werden, auch erzie-
herische, organisatorisch-administrative Hilfen oder Trainingsprogramme
für bestimmte Lebensbereiche. Die Bandbreite der Aufgaben ist groß. Eine
Besonderheit des Betreuungsangebotes besteht darin, dass die Betreuung
am Wohnort der entsprechenden Person stattfinden kann. Dies kann eine
eigene Wohnung oder eine Gemeinschaft, aber auch die elterliche Familie
sein.


- Familien unterstützender Dienst
Familienunterstützende Dienste werden von Honorarkräften oder professio-
nellen Kräften durchgeführt. Sie dienen dazu, das individuelle familiäre
Setting zu entlasten. Die betroffenen behinderten Menschen sehen in der
familienentlastenden Betreuung in allen Fällen eine persönliche Entlastung
von (auch beim besten Willen oft so erlebten) Fürsorglichkeiten, die le-
bensgeschichtlich ab einem bestimmten Alter oft Hauptkonfliktpotenzial
zwischen Eltern und Kindern sind. Mit dieser Doppelfunktion gehen die
Mitarbeiter auf unspektakuläre und häufig sehr humorvolle Weise um. Ein
familienunterstützender Dienst, der mehr sein will als »rehabilitationspäda-
gogischer Babysitterdienst« nimmt das gesamte System Familie in den
Blick. Auch hier kommt es zu einer Form additiver Veränderung. Es entste-
hen »neue Deutlichkeiten«. Sowohl die Eltern als auch deren oft längst er-
wachsene Kinder beginnen, verursacht durch die Möglichkeiten des Ab-
standes, sich selbst und ihre Rolle sowie ihre Zukunftsvorstellung neu zu
definieren.

- Ermutigung

»Die Bemühung nach Überwindung der Angst vor Ablehnung und das
Suchen nach so lange entbehrter Bejahung ist selbstverständlich keine Be-
sonderheit von Menschen mit Behinderungen« (Günther 1998, 152). Eine
kommunikativ verstandene Integration ist verknüpft mit persönlichen Deu-
tungsprozessen aller Beteiligten. Unterstützungssysteme entwickeln sich am
konkreten Bedarf, der sich in direkten, körpernahen Kontakten begreifbar
macht (ebd.). Der Zeitgeist der Vereinzelung und Vereinsamung hinter den
Bildschirmen und der Digitalisierung der Kontakte erträgt keine Irritationen.
»Die Angst vor der Konfrontation mit behinderten Menschen als Rationali-
sierung der Angst vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Begrenztheit
und schicksalhaften Abhängigkeit (...) führte und führt zu einer Ausgren-

zung von Behinderten (...) Irritationen in wirtschaftlichen und sozialen ge-
sellschaftlichen Bezügen durch die Konfrontation mit behinderten Men-
schen sollen scheinbar ausgeräumt werden« (Günther 1994, 171).
Dieser Tendenz und gleichzeitig diesen heimlichen Ängsten steht Integration
entgegen. So gesehen bedeutet sie: Integration unserer Begrenztheit, unserer
Schwachheit und unserer Fehlerhaftigkeit. Sie bedeutet Aufgenommensein
in die vita communis des Alltags, in all diejenigen Bezüge, in denen Men-
schen »alles miteinander teilen«, sie bedeutet Mut und Lebensfreude, auch
Schicksalsschläge. So können wir die Zusage des unbedingten Erwünscht-
und Anerkanntseins im menschlichen Kontakt immerhin erahnen.


Literatur:

ADORNO, THEODOR W., Erziehung -wozu?, in: Adorno, TheodoT W., Erziehung Zur Mündigkeit, Frankfurt a.M. 1971, 105-120.

BETTELHEIM, BRUNO, Der Weg aus dem labyrinth. leben lernen als Therapie, Stuttgart 1975.

FRERE ROGER, Im Heute Gottes leben, Freiburg i.BT. u. a. 1980.

FUCHS, GOTTHARD, Roter Faden Theologie. Eine Skizze zur Orientierung, in: Katechetische Blätter 107 (1982), H. 3, 165-181.

GÜNTHER, WILHELM, Pädagogische Musiktherapie mit Kindern in Heimeinrichtungen, Essen 1992.

GÜNTHER, WILHELM, Pädagogische Musiktherapie bei geistiger Behinderung aufgrund von emotionalen Überwältigungserlebnissen, in: Adam, Gottfried/Kollmann, Roland/ Pithan, Annebelle (Hg.), »Normal ist, verschieden zu sein«. Das Menschenbild in seiner Bedeutung für religionspädagogisches und sonderpädagogisches Handeln. Dokumentationsband des Vierten Würzburger Religionspädagogischen Symposiums, Münster 1994, 171-182.

GÜNTHER, WILHELM: Helfende Nähe. KörperOrientierte Interventionen bei seelischer Behinderung, in: Adam, Gottfried/Kollmann, Roland/Pithan, Annebelle (Hg.), Mit leid umgehen. Dokumentationsband des Sechsten Würzburger Religionspädagogischen Symposiums, Münster 1998, 151-159.

GUGGENBÜHL, JOHANN JAKOB, Die Heilung und Verhütung des Cretinismus und ihre neuesten Fortschritte, Bern u. a. 1853.

HUSCHKE-RBEIN, ROLF, Lernen, leben, Überleben, in: Voß, Reinnard (Hg.), Die Schule neu erfinden, Neuwied 1996, 33-55.

KOLLMANN, ROLAND, Der gute Gott und das Leid. Eine Meditation, in: Adam, Gottfried/ Kollmann, Roland/Pithan, Annebelle (Hg.), Mit leid umgenen. Dokumentationsband des Sechsten Würzburger Religionspädagogischen Symposiums, Münster 1998, 63-69.

MILLER, REINHOLD, Beziehungsdidaktik, Weinheim u. a. 1998.

SCHIRK, HOLGER, Trauer und Behinderung, in: Adam, Gottfried/Kollmann, Roland/Pithan, Annebelle (Hg.), Mit leid umgenen. Dokumentationsband des Sechsten Würzburger Religionspädagogischen Symposiums, Münster 1998, 111- 118.

WENDT, WOLF RAINER, Ökosozial denken und handeln. Grundlagen und Anwendungen in der Sozialarbeit, Freiburg i.BT. 1990.