NACHRUF PROF. DR. WERNER PROBST



Trauerfeier für Prof. Dr. Werner Probst am Samstag, 3. Februar 2007 in der St.Paulus-Kirche, Bochum



Anmerkungen zum Lebenslauf von Dr. Wilhelm Günther und Prof. Dr. Irmgard Merkt


I: Am 19. Juni 1925 wurde Werner Probst in Leverkusen-Wiesdorf geboren. Der Vater Nikolaus Probst war Maurermeister, die Mutter Köchin – und es gab schon zwei ältere Schwestern, Maria und Margarete. Eine akademische Karriere war diesem Kind nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Aber: Da war ein Klavier. Nach mehreren Jahren Klavierunterricht parallel zur Schulzeit gab es freilich ein Problem: Werner wollte partout nur noch Schlager spielen. Das brachte den Unterricht vorläufig zum Erliegen.


W:1943 machte Werner Probst nach eigener Aussage ein eher mäßiges Abitur, glich dieses mit umso besseren Leistungen im Segelfliegen aus. 1943 bis 1945 leistete er Wehrdienst als Flugzeugführer bei der Luftwaffe, 1945 erlebte er 8 Monate Kriegsgefangenschaft. Aus dieser Zeit rührt die heftige Abneigung gegenüber jeder Militärmusik und der Musik des Nationalsozialismus. In diese Zeit fiel aber auch der Karrierebeginn als Schlagzeuger, Schlagersänger und Büttenredner. Proben seiner diesbezüglichen Fertigkeiten durften viele von uns beim Fest anlässlich des 20igjährigen Geburtstags des Lehrgangs BLIMBAM erleben, von später noch die Rede ist.


Von 1949 bis 1952 folgte ein Musiklehrerstudium in Köln mit Hauptfach Klavier, jetzt durchaus ernsthaft, wie Werner Probst selbst versichert. Mit Hilfe seiner musikalischen und humoristischen Kompetenzen konnte er sein Studium finanzieren. Musik allein war nicht genug: Es folgen das Studium der Psychologie, Musikwissenschaft und Pädagogik an der Universität zu Köln.


Hier zeigt sich ein Wesenszug von Werner Probst, auf den wir immer wieder stoßen: Sein Leben verlief nie eingleisig, zwei Gleise mussten es mindestens sein, oft waren es drei oder vier. Parallel zu Studium und Promotion wurde Werner Probst Musiklehrer und später stellvertretender Leiter der Musikschule Leverkusen. Dazu Beauftragter des Sozial- und des Kultusministeriums zur Beratung in Musikschulfragen - und freier Mitarbeiter beim WDR Köln mit zahlreichen Rundfunk, Fernseh- und Schallplattenaufnahmen. Er entwickelte neue Modelle von Gruppen- und Einzelunterricht und zählte in der Musikschullandschaft der Nachkriegszeit immer zu den Innovatoren.


1960 erfolgte die Promotion mit dem Titel „Vom Zukunftsbezogensein im Musikerleben“. Sein Interesse an den Aspekten des Musikerlebens galt damals noch nicht den Menschen mit Behinderung, sollte sich aber als höchst förderlich für sein zukünftiges eigentliches Arbeitsfeld erweisen.


1966 heiratete Werner Probst Elisabeth Bräuer – und sein Asthma war schlagartig verschwunden. 1971 wurde Meike geboren, 1974 Malte. 1966 war das Jahr, das die Familie Probst schließlich nach Bochum führte. Werner Probst war Gründungsdirektor der Musikschule Bochum und leitete sie von 1965 bis 1969 im Hauptamt, bis 1971 im Nebenamt. Im selben Jahr stellte das Leben eine neue Weiche: Die Leiterin einer Tagesstätte für geistig Behinderte trat an Werner Probst mit der Bitte heran, Musik in ihre Einrichtung zu bringen. Werner Probst nahm die Aufgabe und damit auch das Risiko des Scheiterns an: Zu dieser Zeit gab es kaum Erfahrung mit und Erfahrungsberichte über diese Arbeit. Aus dieser ersten Arbeit mit geistig behinderten Menschen sollte das berufliche Lebenswerk von Werner Probst erwachsen.


1969 war ein besonderes Jahr. Anton Reinartz, Professor an der Pädagogischen Hochschule Ruhr in Dortmund wollte das Lehrgebiet Musikerziehung bei Behinderten in der Lehrerbildung etablieren. Deshalb fragte er seinen Kollegen Michael Alt – dieser war Professor der Musikdidaktik - ob er nicht jemanden für ihn wüsste. Michael Alt wusste aus Gesprächen mit seiner Studentin Elisabeth Probst, dass deren Mann Werner Ahnung von Musikpsychologie hatte – und er sprach mit ihr über den Plan von Reinartz. Elisabeth wiederum sprach mit Werner – und Werner Probst wurde noch 1969 Dozent für Musikerziehung bei Behinderten an der Pädagogischen Hochschule Ruhr. 1973 folgte die Habilitation – jetzt schon mit dem Focus auf das künftige Lebensthema „Musikerziehung und ihre Didaktik in Sondererziehung und Rehabilitation Behinderter“. 1977 folgte die Ernennung zum ordentlichen Professor für Musikerziehung für Behinderte.


Von 1979 bis 1983 fand dann der legendäre Modellversuch statt, der die beiden Gleise Musikschule und musikalische Arbeit mit Menschen mit Behinderung zu einem Strang zusammenführte, der Modellversuch mit dem Titel „Instrumentalspiel mit Behinderten und von Behinderung Bedrohten – Kooperation von Musikschule und Schule“. Werner Probst wollte den Nachweis führen, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung natürlich Schülerinnen und Schüler der Musikschulen sein können – wenn nach angemessener Motivationsphase angemessene Situationen geschaffen und Musikschullehrerinnen und -lehrer entsprechend ausgebildet werden. Der Grundansatz war: Jeder Mensch ist in der Lage Musik zu erleben und insofern musikalisch. Es gab manche Versuche und manchen methodischen Irrtum, aber schließlich ließ sich Richtigkeit der Annahmen von Werner Probst belegen. 1979 gab es bundesweit nur etwa 500 Schülerinnen und Schüler mit Behinderung an deutschen Musikschulen – heute sind 6.700, unterrichtet von fast 500 Lehrkräften, die durch den bereits erwähnten Lehrgang „BLIMBAM“ an der Akademie Remscheid ausgebildet wurden.


Werner Probsts Überzeugungen, sein Blick auf die Menschen mit Behinderung, sein Blick auf das System Musikschule und sein Wille zur Veränderung, seine intensive Arbeit an der Öffnung der Musikschulen für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung, hat die Biographien von tausenden von Menschen verändert. Tausende von Menschen mit Behinderung, denen dies nicht in die Wiege gelegt schien, sind heute Produzenten von Musik, sie nehmen mit Freude und Interesse als aktiv Musizierende am musikalischen Leben der Gesellschaft teil. Der Alltag von tausenden Menschen ist erfüllt von musikbezogenen Aktivitäten, gewinnt an Freude und an Sinn – weil Werner Probst sich von Skeptikern nicht beeinflussen ließ.


Die Erfahrungen und Systematisierung der Arbeiten im Rahmen des Modellversuchs gingen in die universitäre Lehre ein - mittlerweile war die PH Ruhr in die Universität Dortmund integriert worden. 1984 lernte ich als Student Werner Probst kennen. Das Konzept der Pädagogischen Musiktherapie überzeugte mich sofort – und später wurde Werner Probst mein Doktorvater. Bis heute beeinflussen die Sichtweisen von Werner Probst auf den Menschen meine und unsere Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit seelischen Behinderungen.


Durch sein Wirken in Forschung und Lehre wurde die Universität Dortmund bundesweit führend auf diesem Gebiet. Dem Beitrag der Musik zur Förderung und Integration von Menschen mit Behinderung galt sein ganzes Interesse, das er in stetiger Zusammenarbeit mit dem Verband deutscher Musikschulen verfolgte.


Werner Probst interessierte sich als Hochschullehrer immer für seine Studierenden, er ließ nichts auf sie kommen. Aufmerksamkeit für jeden einzelnen, Freundlichkeit und Humor prägten ihn in Forschung und Lehre. Legendär sind die Nikolausfeiern, die Exkursionen – und seine Vergeßlichkeit. „Heute habe ich euch etwas ganz Besonderes mitgebracht – und das habe ich zu Hause liegen lassen“ – solche und andere Sätze bleiben unvergessen. „Ob der Probst sein Täschchen hat“ war das Lied, das mehrere Studentengenerationen sangen.


Mit den 90iger Jahren, kurz vor dem Übergang in den so genannten Ruhestand begann die Zeit der Ehrungen und Auszeichnungen. 1989 wurde Werner Probst der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen, 1990 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. 1999 erfolgt die Verleihung des Ehrenringes der Stadt Bochum, 2001 der Carl-Orff-Medaille des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen.


Mit dem Eintritt in den Un-Ruhestand begann eine aktive Zeit, erfüllt von zahlreiche Kursen und Vorträge im In- und Ausland. Es begann auch eine Zeit der Veröffentlichungen und eine Zeit des Rat-Gebens. Die ständige Unterstützung seiner „Ehemaligen“ in großen und kleinen Fragen füllte seinen Alltag ebenso aus wie – man höre – der Haushalt. „Ich bin heute mit Kochen dran“ sagte er mit einem verschmitzten Lächeln bei einem seiner Besuche an seiner alten Universität und verschwand in die S-Bahn Richtung Bochum.


Vor beinahe zwei Jahren feierten wir im Rahmen eines wunderbaren und musikalischen Festes seinen 80igsten Geburtstag. Mit dabei war auch sein erstes Enkelkind. Eigentlich, das muss ich doch noch erwähnen, feierten wir immer die Geburtstage von Elisabeth mit, wir feierten den hundertsten, den hundertzwanzigsten, den hundertvierzigsten Geburtstag in schönen und immer musikbetonten unvergesslichen Festen, die von den aufs Beste gelungenen Kindern mitgestaltet wurden.


Die Ideen weitergeben und die musikalische Arbeit mit Menschen mit Behinderung weiterführen - das war das Anliegen des Menschen und Hochschullehrers Werner Probst. Sein Anliegen war die Hinführung aller zu musikalischer Qualität, und zum unbefangenen Umgang mit Musik. Werner Probst zeigte uns, Musik als menschliches Wesensmerkmal und als Mittel des freien und lebendigen emotionalen Ausdrucks von und zwischen Menschen anzusehen.


„Ob der Probst sein Täschchen hat“ – so haben wir früher gesungen. Heute schauen wir bei diesem Liedtext einmal nicht auf Werner Probst, auch nicht auf das Täschchen, wir werfen wir heute einmal einen Blick in das Täschchen. Was mag Werners Täschchen enthalten? Sicher enthält neben den Hausschlüsseln

· sein tiefes Interesse und seine Liebe für den Menschen,
· seine Liebe zu seiner Familie,
· seine Liebe zur Musik,
· seine Freundlichkeit und nicht zuletzt
· seinen Humor.


Dass wir uns vor seinem 82. Geburtstag nun von ihm verabschieden müssen, erfüllt uns mit Trauer. Er selbst würde sagen: Kinder, heult so lange es für euch nötig ist, aber dann - macht was draus.


Auch wenn wir heute sehr traurig sind, können wir doch sagen: Es erfüllt uns mit Freude und Dank, an Werner Probst zu denken. Und mit Freude und Dank machen wir etwas daraus, ihn gekannt zu haben.







Katja