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Buddhistische Vortragsreihe „Achtsam das Leben berühren„ Referent Torsten Bechhaus Erster Vortragsabend Einführung Buddhismus und das Interesse daran in der heutigen Zeit Wir leben in einer Zeit, in der viele Dinge im Vordergrund stehen, bei denen man sich fragt: „Woher hole ich meinen Selbstwert?„ Die Frage welchen Wert ich habe, beantworten wir über berufliche Stellung, Einkommen, Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit in Bezug auf das, was in unserer Gesellschaft wertgeschätzt wird. Religion, Spiritualität und religiöse Werte findet man sicher nicht an den zuerst genannten Stellen. Auf der anderen Seite fühlen sich viele Menschen orientierungslos und nicht anerkannt. Psychosomatische Erkrankungen oder depressive Verstimmungen werden immer häufiger, so dass die Frage nach dem Sinn des Lebens wieder in das Bewusstsein gelangt. Bei der Suche hiernach trifft man auf ein vielfälti-ges Angebot an Orientierungshilfen, die nicht alle zielführend sind. Da strahlt der Buddhis-mus als eine unbekannte, aber tiefgründig und friedfertig empfundene Orientierungshilfe ei-nen großen Reiz aus. Es gibt vielfältige Angebote von geistiger Schulung durch körperliche Bewegung oder von spirituellen Geistesschulungen. Aber häufig fehlt diesen Angeboten die wirkliche Tiefe, die uns helfen kann, das Leben nachhaltig in einen glücklicheren und zufrie-deneren Zustand zu bringen. Was stellen sich Menschen in unserem Kulturkreis unter Buddhismus vor? Vielfach werde ich nach dem Leiden der Buddhisten gefragt, setzt sich doch der Buddhismus intensiv mit dem Leiden auseinander, so z. B. bei den vier edlen Wahrheiten in Bezug auf das Leiden. In einer Schulklasse, in der ich als praktizierender Buddhist den Buddhismus aus meiner Sicht erklären durfte, wurde ich als erstes gefragt, warum die Buddhisten denn alles als Leiden sehen würden. Diesen Eindruck hatten die Schüler aufgrund der Ausführungen zum Buddhismus in ihrem Schulbuch zum Religionsunterricht gewonnen. Ich hatte als ein buddhistisches Buch „Das Buch vom Glück„ mitgebracht und zeigte nur den Titel, um den Einstieg in die Erklärung eines ersten großen Missverständnisses zu finden. Auch die Erklärungen zur „Leere„ und zum „Nichts„ in so manchen Schriften über den Bud-dhismus sind eher geeignet Ängste zu schüren, als Ruhe und stabiles Glück zu vermitteln, auch wenn das Wort „Glück„ im Buddhismus nicht mit den kurzfristigen Freuden des All-tagslebens gleichzusetzen ist. Diese Missverständnisse und Klischees, insbesondere „Buddhismus ist eine Philosophie und keine Religion„, oder „der Begriff der Leere (mit doppeltem E) ist als Nichts zu deuten„ prä-gen das Bewusstsein über den Buddhismus in unserer Gesellschaft. Dabei ist mit dieser „Lee-re„ eine Leere von einer unabhängigen Selbstexistenz gemeint. Hermann Oldenberg, einer der bedeutendsten Indienforscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hat schon in seinem Werk „Die Lehre der Upanishaden und die Anfänge des Buddhismus„ 1915 ausgeführt: „ Hat man den Buddhismus als eine Religion des Nichts bezeichnet und ihn von hier aus als von dem Kern-punkt seines Wesens zu entwickeln versucht, so hat man es in der Tat erreicht, das, was für Buddha selbst und für die alte Gemeinde seiner Jünger die Hauptsache gewesen ist, ganz und gar zu verfehlen.„ In der Einleitung seines Buches „Die Reden des Buddha„ äußert er, dass Hegel Buddha das Grunddogma zugeschrieben habe, dass das Nichts das Prinzip aller Dinge sei, dass alles aus dem Nichts hervorgegangen sei und auch dahin zurückkehre und merkt hierzu an, dass dies eine Vorstellung sei, zu der Buddha bedenklich den Kopf geschüttelt hät-te. 2
Hierauf werde ich im Rahmen des Vortrags noch näher eingehen. Kann der Buddhismus eine Hilfe in dem Leben der christlichen Welt geben? Und wenn ja, wobei und wie? Kann er Nichtbuddhisten auf deren Weg in einem anderen Glauben eine Hilfe oder Anregung geben, ohne zu verwirren? Es gibt heute eine Vielzahl von Vorstellungen, dass der Buddhismus im Wesentlichen eine Meditationsform sei, um Geist und Körper dadurch in Einklang zu bringen, dass man mal einen Moment im Leben anhält und in sich geht. Deshalb gibt es auch Bücher, die die Vor-stellung vermitteln, dass man innerhalb weniger Tage durch Meditationserfahrung ein freies und sinnerfülltes Leben führen könne. Dies kann aber nicht auf die Schnelle erreicht werden. 1 Es ist ein langsames Herantasten und das Beschreiten eines vom eigenen Wunsch getragenen Weges über Jahre erforderlich. Der Weg führt zur Weisheit und tiefen Verbundenheit. 2 In unserem Kulturkreis gibt es eine Vielzahl von Angeboten unterschiedlicher buddhistischer Schulen und Richtungen, die nicht in richtig oder falsch eingestuft werden sollten. Jeder, der diese Erfahrungen machen möchte und einen solchen Weg weiter gehen will, sollte für sich prüfen, welche Form seinem Empfinden und Verstehen entgegenkommt und daher für ihn zielführend ist. 3 Der Westen erlebt einen Anfang einer buddhistischen Praxis. Hieraus sollte sich nicht eine weitere Religion mit Dogmen entwickeln, die in religiöse Konkurrenz zu be-stehenden Religionen tritt, sondern ein Beitrag zu einem friedlicheren und harmonischeren menschlichen Zusammenleben. 4 Wenn dieser Standpunkt im Vordergrund steht und Hilfe zur Achtsamkeit, zum Mitgefühl und zur Ruhe vermittelt wird, kann jeder Andersgläubige sich mit diesen Gedanken befassen, ohne dass er hierdurch in seinem Glauben verunsichert wird. Buddha ist ein erleuchteter Mensch und kein göttliches Wesen. Buddhismus ist ein gottloser Glaube in Bezug auf die Definition, dass Gott allem übergeord-net und ein Schöpfergott ist. Buddhismus enthält jedoch ein mystisches Element. Mit „mys-tisch„ ist hier nicht ein geheimnisvolles, magisches Element gemeint, sondern etwas nicht Beweisbares und schwer Erklärliches. Hierzu führt Oldenberg in der Einleitung „Die Reden des Buddha„ aus: „Texte deuten leise und doch, scheint mir, unmissverständlich darauf hin, dass diesen Erlösungsdurstigen ein über Sein und Nichtsein, über alle Ausdrückbarkeit mit den Mitteln irdischer Sprache und irdischen Denkens unendlich erhabenes Jenseits in der Tat vorgeschwebt hat.„ Es gibt zwar kein Diesseits und kein Jenseits nach buddhistischer Vorstellung, wie es in unse-rem Kulturkreis mit christlichem Verständnis bekannt ist, jedoch eine Art universellen Lebens ohne Form. Buddha hat hierzu nie eindeutige Aussagen gemacht, da er ein Streitgespräch hierüber als nicht zielführend bezeichnete. Ich werde später auf die diesbezüglichen Lehren und die Beschreibungen buddhistischer Gelehrter eingehen. Verunsichern kann an dieser Stelle, wenn man in buddhistischen Schriften von Göttern liest. Hierzu muss man wissen, dass die Götter nicht als Götter in einem monotheistischen Glau-bensverständnis gesehen werden, sondern Gottheiten eine hohe eigene Lebensform darstellen. Mit einer hohen Lebensform ist eine nichtkörperliche Existenz gemeint, bei der die Leiden eines körperlichen Daseins nicht vorhanden sind. Eine solche hohe Lebensform gehört noch zum Kreislauf der Wiedergeburt und sichert nicht davor, wieder auf eine niedrigere Lebens-form zurückzufallen, wenn der Weg der Befreiung von Anhaftung an Hass, Gier und Ver-blendung nicht konsequent weiter beschritten wird. Man kann hier das Bild von nichtkörperlichen Bodhisattvas ansiedeln. Zum Verständnis ist auszuführen, dass ein Bodhisattva ein Menschen ist, der die Erkenntnisse eines Buddhas er-langt hat, jedoch aus selbstlosen (altruistischen) Gründen im Kreislauf der Wiedergeburt 3
bleibt, um allen Lebewesen die Möglichkeit zu schaffen, sich durch erlangen eigener Er-kenntnisse aus diesem Kreislauf zu befreien. Die Angehörigkeit zu einem anderen Glauben steht der Ausübung von buddhistischen Prakti-ken nicht entgegen. Niemand muss seine Religion wechseln, um an buddhistischen Traditio-nen teilzuhaben. Buddhismus erweist sich als eine tolerante und weltoffene Religion, die den Zweck verfolgt, in einen überkonfessionellen friedlichen Austausch mit anderen Religionen und Kulturen zu treten.5 Ein gutes Beispiel dafür liefert das 16. Kapitel des Lotos Sutra, ein bedeutender Lehrtext des Mahayana-Buddhismus. Dort wird ausgeführt, dass zu unterschied-lichen Zeiten an unterschiedlichen Orten die Lehre je nach dem Verständnis der Menschen in unterschiedlicher Weise dargelegt wird. Die Unterschiede in der Darlegung seien keine Lüge in der Lehre, sondern ein hilfreiches Mittel, um die Lebewesen von den Begierden abzubrin-gen. Entscheidend sei, die Lebewesen dazu zu bringen, in die unübertroffene Weisheit einzu-treten. Es gibt zahllose buddhistische Richtungen und in diesen viele unterschiedliche Schulen, die nicht alle genannt und behandelt werden können. Die bekanntesten Hauptrichtungen sind Theravada, Hinayana, Mahayana und Vajrayana, auf die ich später noch eingehen werde. Historische Daten Gautama Siddharta, der historische Buddha, lebte ca. 560 bis 480 v. Chr. Neuere Forschungen gehen von einer bis zu hundert Jahre späteren Lebenszeit aus. 6 Gautamas Familie gehörte zum Geschlecht der Shakya und lebte im Norden Indiens im Grenzgebiet zu Nepal. Sein Vater war eher Gouverneur als Fürst.7 Er war verheiratet und hat-te einen Sohn, als er mit ca. 29 Jahren das Haus verließ und in den hauslosen Stand eintrat. (Die Legende über die 4 Ausgänge mit der Konfrontation mit Leid und Vergänglichkeit des menschlichen Daseins8 ist ebenso unbedeutend, wie Legenden über den Eintritt als weißer Elefant in den Leib der Mutter9.) Es herrschte das Kastensystem, an dessen Spitze die Brahmanen als intellektuelle geistliche Elite standen. Die Brahmanen sangen als Priester die Hymnen der Veden, die den Kontakt mit den Göttern ermöglichten. Veden sind im Brahmanismus übermenschlichen Ursprungs und haben göttliche Autorität.10 Vereinfacht ausgedrückt herrschte eine Opferreligion. Das Schicksal der Menschen lag in der Hand der Götter, die durch Opfer freundlich gestimmt werden mussten.11 Viele spirituell lebende Männer zogen als heimatlose Asketen, Wanderer oder Mönche durch das Land und übten sich in Meditation, zu der vor allem Sammlungspraktiken bis hin zu tie-fen Versenkungsstufen zählten.12 Zuerst hat Gautama für ungefähr 6 Jahre als Asket gelebt und magerte bis auf die Knochen ab. Er war Schüler von unterschiedlichen „Wandermönchen„ im hauslosen Stand. Er stellte jedoch fest, dass dies nicht zur Befreiung von Leiden führen konnte und trennte sich deshalb von den Weggefährten, mit denen er in einem asketischen Lebenswandel unterwegs war. Gautama Siddharta stellte fest, dass die Lehren, die ihm zuteilwurden, ebenfalls nicht zur Be-freiung von Leiden führten und versuchte daher alleine zur Erkenntnis durch Meditation zu gelangen. Er betonte den „mittleren Weg„ als Verhaltensvorgabe des Lebens nach seiner Lehre, da weder übertriebene Askese noch übermäßiger Genuss zur Befreiung von Leiden führen können. 13 Aus heutiger Sicht ist der „mittlere Weg„ ein Leben mit sehr vielen Entbeh-rungen, den wir als Angehörige der Wohlstands- und Konsumgesellschaft bereits als asketisch 4
ansehen würden.14 Der mittlere Weg ermöglicht es den Menschen ihre Kräfte zu entdecken und zu fördern, die bei den Extremen verschüttet und zerstört werden.15 Während einer viele Tage dauernden Meditation unter einem Feigenbaum erwachte er zur Erleuchtung. Er erkannte worin Leid seine Ursachen hat und wie dies überwunden werden kann. Der Zustand dieser Erleuchtung wird Buddhaschaft genannt. Alle Menschen sind in der Lage die Erleuchtung zu erlangen. Deshalb tragen alle die Buddhaschaft als Potential in sich. Nach seiner Erleuchtung zog Buddha für den Rest seines Lebens mit einer immer weiter wachsenden Zahl von Anhängern durch das Land und hielt eine große Fülle von Lehrreden. Er gründete einen Orden der Mönche und Nonnen. Er wollte keine neue Religion gründen, sondern das Dharma (Ordnung des Kosmos16), die Lehre und die Praxis zur Befreiung des Geistes und Herzens, verbreiten.17 Seine erste Lehrrede nach Erlangung der Erleuchtung ist die der 4 edlen Wahrheiten: Die Wahrheit von der Existenz von Leid. Die Wahrheit, dass das Leid eine Ursache hat. Die Wahrheit, dass das Leid überwunden werden kann. Die Wahrheit, dass es einen Weg gibt, das Leid zu überwinden. Dies ist der achtfache Pfad. Der achtfache Pfad besteht aus rechter Erkenntnis, rechter Gesinnung / Denken, rechter Rede, rechter Handlung, rechtem Lebenserwerb, rechtem Bemühen, rechter Achtsamkeit und rechter Versenkung. Die acht Bereiche lassen sich in drei Gruppen aufteilen, 2 Bereiche gehören zur inneren Ebe-ne der Weisheit, 3 zu der äußeren Ebene des ethischen Verhaltens und 3 gehören zum Medita-tionsaspekt.18 Auf die acht Bereiche werde ich später im Einzelnen eingehen. Der achtfache Pfad wird auch als das Rad der Lehre bezeichnet,19 da man mit jedem Punkt beginnen kann und alle miteinander verbunden sind. Alle Punkte bedingen und unterstützen sich gegenseitig.20 Buddhas Worte waren: „Wo immer der achtfache Pfad praktiziert wird, sind Freude, Frieden und Verstehen zu Hause.„21 Jede authentische Lehre beinhaltet die 3 Dharma-Siegel; Nicht-Dauer, Nicht-Selbst und Nir-vana.22 Nicht-Dauer ist mit Unbeständigkeit gleichzusetzen.23 Die Nicht-Dauer oder Unbeständigkeit beinhaltet, dass kein Ding von einem Augenblick bis zum anderen unverändert bleibt. Das Nicht-Selbst bringt zum Ausdruck, dass nichts über ein unabhängiges eigenes Selbst verfügt. Nirvana bedeutet wörtlich „das Verlöschen aller Kon-zepte„. Dies bedeutet Stabilität und Freiheit: Freiheit von allen Ideen und Vorstellungen.24 Es ist zwischen einer historisch realen Welt und der letztendlichen Dimension zu trennen. „In der letztendlichen Dimension sind wir niemals geboren worden und werden niemals ster-ben. In der historischen – oder raumzeitlichen – Dimension leben wir achtlos dahin und sind kaum jemals wirklich lebendig. Wir leben, als seien wir Tote.„25 „Wirkliches Leben erfahren wir nur im Hier und jetzt. Die Vergangenheit ist schon vorüber, und die Zukunft ist noch nicht da. Nur im gegenwärtigen Augenblick können wir das Leben wirklich berühren.„ 26 Deshalb kann man sagen, dass Achtsamkeit die Energie der vollkom-menen Präsenz ist. Dies ist die Grundvoraussetzung für wirkliches Leben. Du hast eine Ver-abredung mit dem Leben. Diese Verabredung findet im gegenwärtigen Augenblick statt. Wenn du diesen Augenblick verpasst, verpasst du deine Verabredung mit dem Leben. 27 5
Deshalb sollte das Leben nach dem buddhistischen Prinzip ablaufen: „Laufe nicht der Ver-gangenheit nach. Verliere dich nicht in Sorgen um die Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. 28 Ein grundlegendes Prinzip im Buddhismus ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Jede Ursache, die man setzt, hat eine sofortige Wirkung, die sich nicht sofort zeigen muss, sondern latent vorhanden ist, deren Eintritt jedoch sicher ist. Es geht dabei um die Bedingtheit aller Faktoren, so dass nichts aus sich selbst heraus entsteht. Dieses Prinzip hat nichts mit Schuld und Sühne zu tun. Die Wirkung einer negativen Ursache ist nicht im Sinn von Strafe zu sehen, sondern ist die sichere Folge aus der Bedingtheit der Abläufe. Der Gedanke, der zum Wort oder zur Handlung wird, ist unabänderlich in der Welt, so dass auch die Wirkung des Wortes oder der Handlung in der Welt ist. Wann und wie sich die Wirkung zeigt, ist jedoch ungewiss. Die Wirkung kann auch ein Erkennen und eine Ein-sicht des Redenden oder Handelnden sein, aus der eine Veränderung bei ihm erfolgt. Dadurch kann erreicht werden, dass negative Konsequenzen einer negativen Rede oder Handlung durch nachträgliches positives Wirken abgeschwächt werden. Oft sind negative Schlüsseler-lebnisse der Anlass zur positiven Veränderung. Bei den Darstellungen der Lehren werde ich hierauf noch einmal näher eingehen. Jeder trägt alle Samen von Gefühlen und Empfindungen in sich. Buddha ist von 51 solcher Samen ausgegangen. Dies sind zum Beispiel die drei unheilsamen Wurzeln, Hass, Gier und Verblendung, aber auch die positiven Gegenstücke, Liebe, Bescheidenheit und Weisheit. Je nachdem, welche Motivation dem Denken, Reden und Handeln zugrunde liegt, zeigen sich die Wirkungen. Das vielfältige Geflecht eines Menschen mit seinen inneren und äußeren Zu-ständen ist die Grundlage seines Lebenszustands. Der Einzelne hat es selbst in der Hand die unheilsamen Samen nicht zu gießen oder gießen zu lassen und die positiven Samen zu gießen und hervorzubringen, um seinen Lebenszustand zu verändern. Der Begriff Karma, in wörtli-cher Übersetzung „Taten„, benennt das sogenannte Speicherbewusstsein, in dem sich die Auswirkungen von Ursache und Wirkung zeigen. Lebensgrundlage eines gläubigen Buddhisten sollten die vier grenzenlosen Geisteszustände Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit sein. Da es um einen uneigennützigen Lebens-weg geht, ist eine altruistische Einstellung das Idealbild. Hierbei ist Wert auf die genauen Begriffe und ihre Bedeutung zu legen. Liebe wird heutzutage viel zu häufig in Zusammenhängen benutzt, die der gemeinten ursprünglichen Bedeutung nicht gerecht werden. Man sagt, ich liebe eine Speise, ich liebe einen Film usw. Liebe ist hier als uneigennütziges, offen und ehrliches Gefühl gemeint, so dass vielleicht durch die Worte liebevolle Güte deutlicher wird, was gemeint ist. Mitgefühl ist nicht Mitleid, da es nicht da-rum geht mit dem Anderen zu leiden, sondern die Gefühle des Anderen erkennen und nach-vollziehen zu können, da man dann in der Lage ist durch eine richtige Reaktion zu helfen. Gelassenheit ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Es geht darum jede Situation ruhig und gelassen anzunehmen, da man nur so in der Lage ist die Ursachen der Situation zu erken-nen und zu entscheiden, ob es eine als weise gebotene Handlung gibt. Wenn es keine Hand-lungsmöglichkeit gibt, kann ich noch so lebhaft reagieren, ich kann dadurch nichts verändern und schaffe durch fehlende Gelassenheit nur eigene Leiden. Auf Einzelheiten dieser und weiterer Lehren und ihre Bedeutung werde ich an den kommen-den Vortragsabenden eingehen. 6
Die Ausbreitung des Buddhismus fand zuerst in Richtung Süden und später Richtung Nor-den statt. In der südlichen Verbreitung, die sich nachfolgend südöstlich fortsetzt, war und ist der Theravada-Buddhismus vorherrschend. Die Ausbreitung nach Norden und dann in östli-che Richtung fand überwiegend in Form des Mahayana-Buddhismus statt. Da der Buddhis-mus den Menschen einen Weg öffnen will, passt er sich in den jeweiligen Ländern stark den dortigen Religionen und Kulturen an, so dass sich im Laufe der Jahrhunderte unendlich viele unterschiedliche Schulen herausgebildet haben. Erst im 7. Jahrhundert nach Christus fand der Buddhismus in einer ersten Ausbreitung den Weg nach Tibet, die bis ins 9. Jahrhundert an-dauerte. Danach wurde er dort noch einmal zurückgedrängt, bevor er im 11. Jahrhundert eine neue Stärke entwickelte.29 Aus dem Mahayana-Buddhismus entwickelte sich der Vajrayana-Buddhismus, auch Diamantweg genannt. Dies ist eine tantrische Tradition. Tantra ist eine spezielle Meditationspraxis. Durch die Beherrschung von psycho-physischen Energien soll die Buddhaschaft im Diamantweg schneller und dauerhaft erreicht werden. Der tibetanische Buddhismus ist wiederum stark von dortigen kulturellen und religiösen Traditionen beein-flusst. Auch in der heutigen Zeit gibt es in Tibet vier Haupttraditionen, was häufig nicht bekannt ist, da man den 14. Dalai Lama der Gelugpa-Schule als das religiöse Oberhaupt aller Tibeter an-sieht. Es gibt in Tibet aber zum Beispiel noch 8 große Kagyü-Schulen mit dem im Westen bekann-ten 16. Karmapa Rangjung Dorje als geistlichem Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule. 30 Es ist nicht hilfreich auf die Vielzahl der buddhistischen Strömungen an dieser Stelle weiter einzugehen, es soll nur dafür sensibilisiert werden, dass sehr viele buddhistische Aussagen existieren, die durch kulturelle und religiöse Praktiken und Rituale des Verbreitungsgebiets, aus dem sie stammen, geprägt sind. Im Buddhismus kommt es aber immer darauf an, was für den eigenen Weg hilfreich ist. Dies haben wir, meine Frau Gudrun und ich, auf unserem buddhistischen Weg auch selbst erfahren. So sind wir aus einer japanischen Richtung kommend nunmehr durch die Lehren Fred von Allmens geprägt, der sehr viele unterschiedliche Lehrer von Theravada bis hin zu Vajrayana hatte, aber insbesondere von den Lehren Thich Nhat Hanhs, der als vietnamesi-scher Zen-Meister seit langem im südfranzösischen Plum-Village lebt. Die Übermittlung der Lehren erfolgte in der Zeit nach Buddhas Tod in auswendig gelernten Rezitationen der Lehrtexte. Dies war zu jener Zeit üblich, da man die mündliche Überliefe-rung für präziser hielt, als schriftliche Aufzeichnungen. Die seinerzeitige Rezitation war so präzise, dass man auch noch lange nach dem Tod von Buddha die richtigen Lehrreden erken-nen konnte. Es kamen jedoch immer mehr erklärende Lehren hinzu, über die diejenigen, die diese verbreiteten sagten, dass diese Lehren auch von Buddha gelehrt wurden, jedoch nicht für jeden zu hören waren. In den ersten 2 Jahrhunderten nach seinem Tod fanden 3 Konzile statt, in denen man sich auf authentische Lehren einigen wollte. Erste schriftliche Aufzeichnungen dürften nach heutigen Erkenntnissen Texte in Pali aus dem 1. Jahrhundert v. u. Z. sein, die bei einem inhaltlichen Abgleich etwas älter sein müssen, als die kurz danach oder fast zeitgleich entstandenen Sanskrittexte. Beides sind alte indische Sprachen, wobei Pali im südlichen Teil Indiens auch bis hin nach Sri Lanka verbreitet war. Die Texte wurden auf Palmblätter geschrieben, die zum Teil bis heute erhalten sind. Die alten Texte in Pali enthalten die so genannten drei Körbe (tripitaka), die Lehrreden (sutra), die Ordensregeln (vinaya) und die buddhistische Psychologie und Philosophie (abhid-harma) und sind vollständig erhalten geblieben.31 Die ersten Schulen werden Theravada (Schule der Ältesten) genannt. Die Aufteilung in die Begriffe Mahayana und Hinayana haben mit dem eigenen Weg des gläubigen Buddhisten zu tun. Aus dieser Sicht ist es schwierig, den Theravada-Buddhismus mit Hinayana gleich zu 7
setzen, da es in den Theravada-Traditionen unterschiedliche Einstellungen und Rollen der Mönche gab und gibt. Hinayana bedeutet kleines Fahrzeug und geht von der Grundlage aus, dass der Gläubige für sich die Erleuchtung erlangen will, um in das Nirvana einzugehen. Dies soll die Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt bedeuten. Bei den Mahayana-Texten handelt es sich überwiegend um in Sanskrit verfasste Texte. Sanskrit ist eine Sprache, die im Norden Indiens verbreitet war. Mahayana bedeutet großes Fahrzeug. Die Gläubigen wollen anderen Menschen helfen die Erleuchtung zu erlangen und bleiben im Ideal als Bodhisattva (ein altruistisch, uneigennützig lebender Mensch, der die Erleuchtung erlangt hat) aus freier Entscheidung in dem Kreislauf von Geburt und Tod, um allen Menschen den Weg zur Erleuchtung und Befreiung vom Leiden darzulegen und ihnen die Befreiung zu ermöglichen. Ein missionarischer Gedanke ist hierin jedoch nicht enthalten. Die Sanskrittexte sind zu einem großen Teil im Original mit dem Untergang des Buddhismus in Indien verloren gegangen, überlebten aber in z.B. chinesischen Übersetzungen.32 Ein Beispiel soll die innere Einstellung der Mönche in alten Theravadaschulen auf Sri Lanka verdeutlichen. Die Mönche lebten in Gemeinschaften mit Verhaltensidealen, die „Sangha„ genannt werden. Die Gemeinschaften lebten in der Nähe von Dörfern und ernährten sich von Spenden der Bevölkerung. Dafür waren sie als Prediger, Lehrer und Gelehrte tätig. Die zu-nehmende Verstrickung des Sangha mit dem weltlichen Leben stand in erheblichem Wider-spruch zu dem ursprünglichen Idealbild moralischer Reinheit. Um einer Verweltlichung ent-gegenzutreten ging man dazu über, den Sangha in zwei Gruppen aufzuteilen. Die eine Gruppe bestand aus den Dorfmönchen, die im Dorf lebten und die andere Gruppe aus den Waldmön-chen, die im Ideal des Theravada-Buddhismus, abgeschirmt von den weltlichen Einflüssen meditierend im Wald lebten.33 Damit folgt aus der Sicht des Theravada aber, dass der Waldmönch viel eher in der Lage war durch Erlöschen aller Begierden, Gefühle und Empfindungen in das Nirvana einzugehen, also eine Erlösung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod zu erlangen, als der Dorfmönch. Der Dorfmönch führte sein Leben, um der Bevölkerung Weisheit und Spiritualität zu vermitteln. Dies war geeignet, den Menschen den Weg zur Überwindung von negativem Karma, den Folgen von Ursache und Wirkung, zu ermöglichen, damit auch diese sich in dem Kreislauf des Lebens auf den Weg zur Erlangung der Buddhaschaft begeben können. Darin wird das Mahayana-Ideal deutlich. Bekanntestes Beispiel eines Bodhisattva ist der Dalai Lama. Er wird von den Gläubigen sei-ner Schule als die Reinkarnation von Avalokitesvara angesehen, der Buddha des großen Mit-gefühls.34 Auf der Basis dieser Aussagen möchte ich an den kommenden Vortragsabenden die grundle-genden Lehren Buddhas insbesondere nach den Lehren Thich Nhat Hanhs und Fred von All-mens darstellen. 8
1. Fred von Allmen, Buddhismus, S. 25 f nachfolgend Fred von Allmen 2. Fred von Allmen, S. 27 3. Fred von Allmen, S. 28 4. Fred von Allmen, S. 72 5. Oliver Bottini, Das große O.W. Barth-Buch des Buddhismus, S. 15 nachfolgend Oliver Bottini 6. Fred von Allmen, S. 35 7. Oliver Bottini, S. 29 8. Oliver Bottini, S. 32 9. Oliver Bottini, S. 30 10. Oliver Bottini, S. 28 11. Fred von Allmen, S. 36 12. Fred von Allmen, S. 36, 37 13. Hermann Oldenberg, Die Reden des Buddha, 10. Die ersten Predigten, S.94 unten, nachfolgend Hermann Oldenberg 14. Fred von Allmen, S. 37 15. Oliver Bottini, S. 42 16. Oliver Bottini, Erläuterungen der Begriffe S. 481 17. Fred von Allmen, S. 35 f 18. Fred von Allmen, S. 207 19. Fred von Allmen, S. 207 20. Fred von Allmen, S. 207 21. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 54 22. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 51 23. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 132 24. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 51 25. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 109 26. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 18 27. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 20 28. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 21 29. Fred von Allmen, S. 59 f; H. Bechert und R. Gombrich, Der Buddhismus, Geschichte und Gegenwart, ab S. 293 30. Fred von Allmen, S. 61 - 64 31. Fred von Allmen, S. 42 32. Fred von Allmen, S. 42 f 33. H. Bechert und R. Gombrich, Der Buddhismus, Geschichte und Gegenwart, S. 160 34. Oliver Bottini, S. 263 Der Text ist von Torsten Bechhaus erstellt und nicht zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Insoweit ist er urheberrechtliche geschützt. Eine unentgeltliche und nicht von kommerziellen Gesichtspunkten geprägte Weitergabe ist ausdrücklich unter Hinwies auf die Urheberschaft zulässig. D32600
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