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Buddhistische Vortragsreihe „Achtsam das Leben berühren„ Referent Torsten Bechhaus Erster Vortragsabend Einführung Buddhismus und das Interesse daran in der heutigen Zeit Wir leben in einer Zeit, in der viele Dinge im Vordergrund stehen, bei denen man sich fragt: „Woher hole ich meinen Selbstwert?„ Die Frage welchen Wert ich habe, beantworten wir über berufliche Stellung, Einkommen, Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit in Bezug auf das, was in unserer Gesellschaft wertgeschätzt wird. Religion, Spiritualität und religiöse Werte findet man sicher nicht an den zuerst genannten Stellen. Auf der anderen Seite fühlen sich viele Menschen orientierungslos und nicht anerkannt. Psychosomatische Erkrankungen oder depressive Verstimmungen werden immer häufiger, so dass die Frage nach dem Sinn des Lebens wieder in das Bewusstsein gelangt. Bei der Suche hiernach trifft man auf ein vielfälti-ges Angebot an Orientierungshilfen, die nicht alle zielführend sind. Da strahlt der Buddhis-mus als eine unbekannte, aber tiefgründig und friedfertig empfundene Orientierungshilfe ei-nen großen Reiz aus. Es gibt vielfältige Angebote von geistiger Schulung durch körperliche Bewegung oder von spirituellen Geistesschulungen. Aber häufig fehlt diesen Angeboten die wirkliche Tiefe, die uns helfen kann, das Leben nachhaltig in einen glücklicheren und zufrie-deneren Zustand zu bringen. Was stellen sich Menschen in unserem Kulturkreis unter Buddhismus vor? Vielfach werde ich nach dem Leiden der Buddhisten gefragt, setzt sich doch der Buddhismus intensiv mit dem Leiden auseinander, so z. B. bei den vier edlen Wahrheiten in Bezug auf das Leiden. In einer Schulklasse, in der ich als praktizierender Buddhist den Buddhismus aus meiner Sicht erklären durfte, wurde ich als erstes gefragt, warum die Buddhisten denn alles als Leiden sehen würden. Diesen Eindruck hatten die Schüler aufgrund der Ausführungen zum Buddhismus in ihrem Schulbuch zum Religionsunterricht gewonnen. Ich hatte als ein buddhistisches Buch „Das Buch vom Glück„ mitgebracht und zeigte nur den Titel, um den Einstieg in die Erklärung eines ersten großen Missverständnisses zu finden. Auch die Erklärungen zur „Leere„ und zum „Nichts„ in so manchen Schriften über den Bud-dhismus sind eher geeignet Ängste zu schüren, als Ruhe und stabiles Glück zu vermitteln, auch wenn das Wort „Glück„ im Buddhismus nicht mit den kurzfristigen Freuden des All-tagslebens gleichzusetzen ist. Diese Missverständnisse und Klischees, insbesondere „Buddhismus ist eine Philosophie und keine Religion„, oder „der Begriff der Leere (mit doppeltem E) ist als Nichts zu deuten„ prä-gen das Bewusstsein über den Buddhismus in unserer Gesellschaft. Dabei ist mit dieser „Lee-re„ eine Leere von einer unabhängigen Selbstexistenz gemeint. Hermann Oldenberg, einer der bedeutendsten Indienforscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hat schon in seinem Werk „Die Lehre der Upanishaden und die Anfänge des Buddhismus„ 1915 ausgeführt: „ Hat man den Buddhismus als eine Religion des Nichts bezeichnet und ihn von hier aus als von dem Kern-punkt seines Wesens zu entwickeln versucht, so hat man es in der Tat erreicht, das, was für Buddha selbst und für die alte Gemeinde seiner Jünger die Hauptsache gewesen ist, ganz und gar zu verfehlen.„ In der Einleitung seines Buches „Die Reden des Buddha„ äußert er, dass Hegel Buddha das Grunddogma zugeschrieben habe, dass das Nichts das Prinzip aller Dinge sei, dass alles aus dem Nichts hervorgegangen sei und auch dahin zurückkehre und merkt hierzu an, dass dies eine Vorstellung sei, zu der Buddha bedenklich den Kopf geschüttelt hät-te. 2
Hierauf werde ich im Rahmen des Vortrags noch näher eingehen. Kann der Buddhismus eine Hilfe in dem Leben der christlichen Welt geben? Und wenn ja, wobei und wie? Kann er Nichtbuddhisten auf deren Weg in einem anderen Glauben eine Hilfe oder Anregung geben, ohne zu verwirren? Es gibt heute eine Vielzahl von Vorstellungen, dass der Buddhismus im Wesentlichen eine Meditationsform sei, um Geist und Körper dadurch in Einklang zu bringen, dass man mal einen Moment im Leben anhält und in sich geht. Deshalb gibt es auch Bücher, die die Vor-stellung vermitteln, dass man innerhalb weniger Tage durch Meditationserfahrung ein freies und sinnerfülltes Leben führen könne. Dies kann aber nicht auf die Schnelle erreicht werden. 1 Es ist ein langsames Herantasten und das Beschreiten eines vom eigenen Wunsch getragenen Weges über Jahre erforderlich. Der Weg führt zur Weisheit und tiefen Verbundenheit. 2 In unserem Kulturkreis gibt es eine Vielzahl von Angeboten unterschiedlicher buddhistischer Schulen und Richtungen, die nicht in richtig oder falsch eingestuft werden sollten. Jeder, der diese Erfahrungen machen möchte und einen solchen Weg weiter gehen will, sollte für sich prüfen, welche Form seinem Empfinden und Verstehen entgegenkommt und daher für ihn zielführend ist. 3 Der Westen erlebt einen Anfang einer buddhistischen Praxis. Hieraus sollte sich nicht eine weitere Religion mit Dogmen entwickeln, die in religiöse Konkurrenz zu be-stehenden Religionen tritt, sondern ein Beitrag zu einem friedlicheren und harmonischeren menschlichen Zusammenleben. 4 Wenn dieser Standpunkt im Vordergrund steht und Hilfe zur Achtsamkeit, zum Mitgefühl und zur Ruhe vermittelt wird, kann jeder Andersgläubige sich mit diesen Gedanken befassen, ohne dass er hierdurch in seinem Glauben verunsichert wird. Buddha ist ein erleuchteter Mensch und kein göttliches Wesen. Buddhismus ist ein gottloser Glaube in Bezug auf die Definition, dass Gott allem übergeord-net und ein Schöpfergott ist. Buddhismus enthält jedoch ein mystisches Element. Mit „mys-tisch„ ist hier nicht ein geheimnisvolles, magisches Element gemeint, sondern etwas nicht Beweisbares und schwer Erklärliches. Hierzu führt Oldenberg in der Einleitung „Die Reden des Buddha„ aus: „Texte deuten leise und doch, scheint mir, unmissverständlich darauf hin, dass diesen Erlösungsdurstigen ein über Sein und Nichtsein, über alle Ausdrückbarkeit mit den Mitteln irdischer Sprache und irdischen Denkens unendlich erhabenes Jenseits in der Tat vorgeschwebt hat.„ Es gibt zwar kein Diesseits und kein Jenseits nach buddhistischer Vorstellung, wie es in unse-rem Kulturkreis mit christlichem Verständnis bekannt ist, jedoch eine Art universellen Lebens ohne Form. Buddha hat hierzu nie eindeutige Aussagen gemacht, da er ein Streitgespräch hierüber als nicht zielführend bezeichnete. Ich werde später auf die diesbezüglichen Lehren und die Beschreibungen buddhistischer Gelehrter eingehen. Verunsichern kann an dieser Stelle, wenn man in buddhistischen Schriften von Göttern liest. Hierzu muss man wissen, dass die Götter nicht als Götter in einem monotheistischen Glau-bensverständnis gesehen werden, sondern Gottheiten eine hohe eigene Lebensform darstellen. Mit einer hohen Lebensform ist eine nichtkörperliche Existenz gemeint, bei der die Leiden eines körperlichen Daseins nicht vorhanden sind. Eine solche hohe Lebensform gehört noch zum Kreislauf der Wiedergeburt und sichert nicht davor, wieder auf eine niedrigere Lebens-form zurückzufallen, wenn der Weg der Befreiung von Anhaftung an Hass, Gier und Ver-blendung nicht konsequent weiter beschritten wird. Man kann hier das Bild von nichtkörperlichen Bodhisattvas ansiedeln. Zum Verständnis ist auszuführen, dass ein Bodhisattva ein Menschen ist, der die Erkenntnisse eines Buddhas er-langt hat, jedoch aus selbstlosen (altruistischen) Gründen im Kreislauf der Wiedergeburt 3
bleibt, um allen Lebewesen die Möglichkeit zu schaffen, sich durch erlangen eigener Er-kenntnisse aus diesem Kreislauf zu befreien. Die Angehörigkeit zu einem anderen Glauben steht der Ausübung von buddhistischen Prakti-ken nicht entgegen. Niemand muss seine Religion wechseln, um an buddhistischen Traditio-nen teilzuhaben. Buddhismus erweist sich als eine tolerante und weltoffene Religion, die den Zweck verfolgt, in einen überkonfessionellen friedlichen Austausch mit anderen Religionen und Kulturen zu treten.5 Ein gutes Beispiel dafür liefert das 16. Kapitel des Lotos Sutra, ein bedeutender Lehrtext des Mahayana-Buddhismus. Dort wird ausgeführt, dass zu unterschied-lichen Zeiten an unterschiedlichen Orten die Lehre je nach dem Verständnis der Menschen in unterschiedlicher Weise dargelegt wird. Die Unterschiede in der Darlegung seien keine Lüge in der Lehre, sondern ein hilfreiches Mittel, um die Lebewesen von den Begierden abzubrin-gen. Entscheidend sei, die Lebewesen dazu zu bringen, in die unübertroffene Weisheit einzu-treten. Es gibt zahllose buddhistische Richtungen und in diesen viele unterschiedliche Schulen, die nicht alle genannt und behandelt werden können. Die bekanntesten Hauptrichtungen sind Theravada, Hinayana, Mahayana und Vajrayana, auf die ich später noch eingehen werde. Historische Daten Gautama Siddharta, der historische Buddha, lebte ca. 560 bis 480 v. Chr. Neuere Forschungen gehen von einer bis zu hundert Jahre späteren Lebenszeit aus. 6 Gautamas Familie gehörte zum Geschlecht der Shakya und lebte im Norden Indiens im Grenzgebiet zu Nepal. Sein Vater war eher Gouverneur als Fürst.7 Er war verheiratet und hat-te einen Sohn, als er mit ca. 29 Jahren das Haus verließ und in den hauslosen Stand eintrat. (Die Legende über die 4 Ausgänge mit der Konfrontation mit Leid und Vergänglichkeit des menschlichen Daseins8 ist ebenso unbedeutend, wie Legenden über den Eintritt als weißer Elefant in den Leib der Mutter9.) Es herrschte das Kastensystem, an dessen Spitze die Brahmanen als intellektuelle geistliche Elite standen. Die Brahmanen sangen als Priester die Hymnen der Veden, die den Kontakt mit den Göttern ermöglichten. Veden sind im Brahmanismus übermenschlichen Ursprungs und haben göttliche Autorität.10 Vereinfacht ausgedrückt herrschte eine Opferreligion. Das Schicksal der Menschen lag in der Hand der Götter, die durch Opfer freundlich gestimmt werden mussten.11 Viele spirituell lebende Männer zogen als heimatlose Asketen, Wanderer oder Mönche durch das Land und übten sich in Meditation, zu der vor allem Sammlungspraktiken bis hin zu tie-fen Versenkungsstufen zählten.12 Zuerst hat Gautama für ungefähr 6 Jahre als Asket gelebt und magerte bis auf die Knochen ab. Er war Schüler von unterschiedlichen „Wandermönchen„ im hauslosen Stand. Er stellte jedoch fest, dass dies nicht zur Befreiung von Leiden führen konnte und trennte sich deshalb von den Weggefährten, mit denen er in einem asketischen Lebenswandel unterwegs war. Gautama Siddharta stellte fest, dass die Lehren, die ihm zuteilwurden, ebenfalls nicht zur Be-freiung von Leiden führten und versuchte daher alleine zur Erkenntnis durch Meditation zu gelangen. Er betonte den „mittleren Weg„ als Verhaltensvorgabe des Lebens nach seiner Lehre, da weder übertriebene Askese noch übermäßiger Genuss zur Befreiung von Leiden führen können. 13 Aus heutiger Sicht ist der „mittlere Weg„ ein Leben mit sehr vielen Entbeh-rungen, den wir als Angehörige der Wohlstands- und Konsumgesellschaft bereits als asketisch 4
ansehen würden.14 Der mittlere Weg ermöglicht es den Menschen ihre Kräfte zu entdecken und zu fördern, die bei den Extremen verschüttet und zerstört werden.15 Während einer viele Tage dauernden Meditation unter einem Feigenbaum erwachte er zur Erleuchtung. Er erkannte worin Leid seine Ursachen hat und wie dies überwunden werden kann. Der Zustand dieser Erleuchtung wird Buddhaschaft genannt. Alle Menschen sind in der Lage die Erleuchtung zu erlangen. Deshalb tragen alle die Buddhaschaft als Potential in sich. Nach seiner Erleuchtung zog Buddha für den Rest seines Lebens mit einer immer weiter wachsenden Zahl von Anhängern durch das Land und hielt eine große Fülle von Lehrreden. Er gründete einen Orden der Mönche und Nonnen. Er wollte keine neue Religion gründen, sondern das Dharma (Ordnung des Kosmos16), die Lehre und die Praxis zur Befreiung des Geistes und Herzens, verbreiten.17 Seine erste Lehrrede nach Erlangung der Erleuchtung ist die der 4 edlen Wahrheiten: Die Wahrheit von der Existenz von Leid. Die Wahrheit, dass das Leid eine Ursache hat. Die Wahrheit, dass das Leid überwunden werden kann. Die Wahrheit, dass es einen Weg gibt, das Leid zu überwinden. Dies ist der achtfache Pfad. Der achtfache Pfad besteht aus rechter Erkenntnis, rechter Gesinnung / Denken, rechter Rede, rechter Handlung, rechtem Lebenserwerb, rechtem Bemühen, rechter Achtsamkeit und rechter Versenkung. Die acht Bereiche lassen sich in drei Gruppen aufteilen, 2 Bereiche gehören zur inneren Ebe-ne der Weisheit, 3 zu der äußeren Ebene des ethischen Verhaltens und 3 gehören zum Medita-tionsaspekt.18 Auf die acht Bereiche werde ich später im Einzelnen eingehen. Der achtfache Pfad wird auch als das Rad der Lehre bezeichnet,19 da man mit jedem Punkt beginnen kann und alle miteinander verbunden sind. Alle Punkte bedingen und unterstützen sich gegenseitig.20 Buddhas Worte waren: „Wo immer der achtfache Pfad praktiziert wird, sind Freude, Frieden und Verstehen zu Hause.„21 Jede authentische Lehre beinhaltet die 3 Dharma-Siegel; Nicht-Dauer, Nicht-Selbst und Nir-vana.22 Nicht-Dauer ist mit Unbeständigkeit gleichzusetzen.23 Die Nicht-Dauer oder Unbeständigkeit beinhaltet, dass kein Ding von einem Augenblick bis zum anderen unverändert bleibt. Das Nicht-Selbst bringt zum Ausdruck, dass nichts über ein unabhängiges eigenes Selbst verfügt. Nirvana bedeutet wörtlich „das Verlöschen aller Kon-zepte„. Dies bedeutet Stabilität und Freiheit: Freiheit von allen Ideen und Vorstellungen.24 Es ist zwischen einer historisch realen Welt und der letztendlichen Dimension zu trennen. „In der letztendlichen Dimension sind wir niemals geboren worden und werden niemals ster-ben. In der historischen – oder raumzeitlichen – Dimension leben wir achtlos dahin und sind kaum jemals wirklich lebendig. Wir leben, als seien wir Tote.„25 „Wirkliches Leben erfahren wir nur im Hier und jetzt. Die Vergangenheit ist schon vorüber, und die Zukunft ist noch nicht da. Nur im gegenwärtigen Augenblick können wir das Leben wirklich berühren.„ 26 Deshalb kann man sagen, dass Achtsamkeit die Energie der vollkom-menen Präsenz ist. Dies ist die Grundvoraussetzung für wirkliches Leben. Du hast eine Ver-abredung mit dem Leben. Diese Verabredung findet im gegenwärtigen Augenblick statt. Wenn du diesen Augenblick verpasst, verpasst du deine Verabredung mit dem Leben. 27 5
Deshalb sollte das Leben nach dem buddhistischen Prinzip ablaufen: „Laufe nicht der Ver-gangenheit nach. Verliere dich nicht in Sorgen um die Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. 28 Ein grundlegendes Prinzip im Buddhismus ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Jede Ursache, die man setzt, hat eine sofortige Wirkung, die sich nicht sofort zeigen muss, sondern latent vorhanden ist, deren Eintritt jedoch sicher ist. Es geht dabei um die Bedingtheit aller Faktoren, so dass nichts aus sich selbst heraus entsteht. Dieses Prinzip hat nichts mit Schuld und Sühne zu tun. Die Wirkung einer negativen Ursache ist nicht im Sinn von Strafe zu sehen, sondern ist die sichere Folge aus der Bedingtheit der Abläufe. Der Gedanke, der zum Wort oder zur Handlung wird, ist unabänderlich in der Welt, so dass auch die Wirkung des Wortes oder der Handlung in der Welt ist. Wann und wie sich die Wirkung zeigt, ist jedoch ungewiss. Die Wirkung kann auch ein Erkennen und eine Ein-sicht des Redenden oder Handelnden sein, aus der eine Veränderung bei ihm erfolgt. Dadurch kann erreicht werden, dass negative Konsequenzen einer negativen Rede oder Handlung durch nachträgliches positives Wirken abgeschwächt werden. Oft sind negative Schlüsseler-lebnisse der Anlass zur positiven Veränderung. Bei den Darstellungen der Lehren werde ich hierauf noch einmal näher eingehen. Jeder trägt alle Samen von Gefühlen und Empfindungen in sich. Buddha ist von 51 solcher Samen ausgegangen. Dies sind zum Beispiel die drei unheilsamen Wurzeln, Hass, Gier und Verblendung, aber auch die positiven Gegenstücke, Liebe, Bescheidenheit und Weisheit. Je nachdem, welche Motivation dem Denken, Reden und Handeln zugrunde liegt, zeigen sich die Wirkungen. Das vielfältige Geflecht eines Menschen mit seinen inneren und äußeren Zu-ständen ist die Grundlage seines Lebenszustands. Der Einzelne hat es selbst in der Hand die unheilsamen Samen nicht zu gießen oder gießen zu lassen und die positiven Samen zu gießen und hervorzubringen, um seinen Lebenszustand zu verändern. Der Begriff Karma, in wörtli-cher Übersetzung „Taten„, benennt das sogenannte Speicherbewusstsein, in dem sich die Auswirkungen von Ursache und Wirkung zeigen. Lebensgrundlage eines gläubigen Buddhisten sollten die vier grenzenlosen Geisteszustände Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit sein. Da es um einen uneigennützigen Lebens-weg geht, ist eine altruistische Einstellung das Idealbild. Hierbei ist Wert auf die genauen Begriffe und ihre Bedeutung zu legen. Liebe wird heutzutage viel zu häufig in Zusammenhängen benutzt, die der gemeinten ursprünglichen Bedeutung nicht gerecht werden. Man sagt, ich liebe eine Speise, ich liebe einen Film usw. Liebe ist hier als uneigennütziges, offen und ehrliches Gefühl gemeint, so dass vielleicht durch die Worte liebevolle Güte deutlicher wird, was gemeint ist. Mitgefühl ist nicht Mitleid, da es nicht da-rum geht mit dem Anderen zu leiden, sondern die Gefühle des Anderen erkennen und nach-vollziehen zu können, da man dann in der Lage ist durch eine richtige Reaktion zu helfen. Gelassenheit ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Es geht darum jede Situation ruhig und gelassen anzunehmen, da man nur so in der Lage ist die Ursachen der Situation zu erken-nen und zu entscheiden, ob es eine als weise gebotene Handlung gibt. Wenn es keine Hand-lungsmöglichkeit gibt, kann ich noch so lebhaft reagieren, ich kann dadurch nichts verändern und schaffe durch fehlende Gelassenheit nur eigene Leiden. Auf Einzelheiten dieser und weiterer Lehren und ihre Bedeutung werde ich an den kommen-den Vortragsabenden eingehen. 6
Die Ausbreitung des Buddhismus fand zuerst in Richtung Süden und später Richtung Nor-den statt. In der südlichen Verbreitung, die sich nachfolgend südöstlich fortsetzt, war und ist der Theravada-Buddhismus vorherrschend. Die Ausbreitung nach Norden und dann in östli-che Richtung fand überwiegend in Form des Mahayana-Buddhismus statt. Da der Buddhis-mus den Menschen einen Weg öffnen will, passt er sich in den jeweiligen Ländern stark den dortigen Religionen und Kulturen an, so dass sich im Laufe der Jahrhunderte unendlich viele unterschiedliche Schulen herausgebildet haben. Erst im 7. Jahrhundert nach Christus fand der Buddhismus in einer ersten Ausbreitung den Weg nach Tibet, die bis ins 9. Jahrhundert an-dauerte. Danach wurde er dort noch einmal zurückgedrängt, bevor er im 11. Jahrhundert eine neue Stärke entwickelte.29 Aus dem Mahayana-Buddhismus entwickelte sich der Vajrayana-Buddhismus, auch Diamantweg genannt. Dies ist eine tantrische Tradition. Tantra ist eine spezielle Meditationspraxis. Durch die Beherrschung von psycho-physischen Energien soll die Buddhaschaft im Diamantweg schneller und dauerhaft erreicht werden. Der tibetanische Buddhismus ist wiederum stark von dortigen kulturellen und religiösen Traditionen beein-flusst. Auch in der heutigen Zeit gibt es in Tibet vier Haupttraditionen, was häufig nicht bekannt ist, da man den 14. Dalai Lama der Gelugpa-Schule als das religiöse Oberhaupt aller Tibeter an-sieht. Es gibt in Tibet aber zum Beispiel noch 8 große Kagyü-Schulen mit dem im Westen bekann-ten 16. Karmapa Rangjung Dorje als geistlichem Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule. 30 Es ist nicht hilfreich auf die Vielzahl der buddhistischen Strömungen an dieser Stelle weiter einzugehen, es soll nur dafür sensibilisiert werden, dass sehr viele buddhistische Aussagen existieren, die durch kulturelle und religiöse Praktiken und Rituale des Verbreitungsgebiets, aus dem sie stammen, geprägt sind. Im Buddhismus kommt es aber immer darauf an, was für den eigenen Weg hilfreich ist. Dies haben wir, meine Frau Gudrun und ich, auf unserem buddhistischen Weg auch selbst erfahren. So sind wir aus einer japanischen Richtung kommend nunmehr durch die Lehren Fred von Allmens geprägt, der sehr viele unterschiedliche Lehrer von Theravada bis hin zu Vajrayana hatte, aber insbesondere von den Lehren Thich Nhat Hanhs, der als vietnamesi-scher Zen-Meister seit langem im südfranzösischen Plum-Village lebt. Die Übermittlung der Lehren erfolgte in der Zeit nach Buddhas Tod in auswendig gelernten Rezitationen der Lehrtexte. Dies war zu jener Zeit üblich, da man die mündliche Überliefe-rung für präziser hielt, als schriftliche Aufzeichnungen. Die seinerzeitige Rezitation war so präzise, dass man auch noch lange nach dem Tod von Buddha die richtigen Lehrreden erken-nen konnte. Es kamen jedoch immer mehr erklärende Lehren hinzu, über die diejenigen, die diese verbreiteten sagten, dass diese Lehren auch von Buddha gelehrt wurden, jedoch nicht für jeden zu hören waren. In den ersten 2 Jahrhunderten nach seinem Tod fanden 3 Konzile statt, in denen man sich auf authentische Lehren einigen wollte. Erste schriftliche Aufzeichnungen dürften nach heutigen Erkenntnissen Texte in Pali aus dem 1. Jahrhundert v. u. Z. sein, die bei einem inhaltlichen Abgleich etwas älter sein müssen, als die kurz danach oder fast zeitgleich entstandenen Sanskrittexte. Beides sind alte indische Sprachen, wobei Pali im südlichen Teil Indiens auch bis hin nach Sri Lanka verbreitet war. Die Texte wurden auf Palmblätter geschrieben, die zum Teil bis heute erhalten sind. Die alten Texte in Pali enthalten die so genannten drei Körbe (tripitaka), die Lehrreden (sutra), die Ordensregeln (vinaya) und die buddhistische Psychologie und Philosophie (abhid-harma) und sind vollständig erhalten geblieben.31 Die ersten Schulen werden Theravada (Schule der Ältesten) genannt. Die Aufteilung in die Begriffe Mahayana und Hinayana haben mit dem eigenen Weg des gläubigen Buddhisten zu tun. Aus dieser Sicht ist es schwierig, den Theravada-Buddhismus mit Hinayana gleich zu 7
setzen, da es in den Theravada-Traditionen unterschiedliche Einstellungen und Rollen der Mönche gab und gibt. Hinayana bedeutet kleines Fahrzeug und geht von der Grundlage aus, dass der Gläubige für sich die Erleuchtung erlangen will, um in das Nirvana einzugehen. Dies soll die Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt bedeuten. Bei den Mahayana-Texten handelt es sich überwiegend um in Sanskrit verfasste Texte. Sanskrit ist eine Sprache, die im Norden Indiens verbreitet war. Mahayana bedeutet großes Fahrzeug. Die Gläubigen wollen anderen Menschen helfen die Erleuchtung zu erlangen und bleiben im Ideal als Bodhisattva (ein altruistisch, uneigennützig lebender Mensch, der die Erleuchtung erlangt hat) aus freier Entscheidung in dem Kreislauf von Geburt und Tod, um allen Menschen den Weg zur Erleuchtung und Befreiung vom Leiden darzulegen und ihnen die Befreiung zu ermöglichen. Ein missionarischer Gedanke ist hierin jedoch nicht enthalten. Die Sanskrittexte sind zu einem großen Teil im Original mit dem Untergang des Buddhismus in Indien verloren gegangen, überlebten aber in z.B. chinesischen Übersetzungen.32 Ein Beispiel soll die innere Einstellung der Mönche in alten Theravadaschulen auf Sri Lanka verdeutlichen. Die Mönche lebten in Gemeinschaften mit Verhaltensidealen, die „Sangha„ genannt werden. Die Gemeinschaften lebten in der Nähe von Dörfern und ernährten sich von Spenden der Bevölkerung. Dafür waren sie als Prediger, Lehrer und Gelehrte tätig. Die zu-nehmende Verstrickung des Sangha mit dem weltlichen Leben stand in erheblichem Wider-spruch zu dem ursprünglichen Idealbild moralischer Reinheit. Um einer Verweltlichung ent-gegenzutreten ging man dazu über, den Sangha in zwei Gruppen aufzuteilen. Die eine Gruppe bestand aus den Dorfmönchen, die im Dorf lebten und die andere Gruppe aus den Waldmön-chen, die im Ideal des Theravada-Buddhismus, abgeschirmt von den weltlichen Einflüssen meditierend im Wald lebten.33 Damit folgt aus der Sicht des Theravada aber, dass der Waldmönch viel eher in der Lage war durch Erlöschen aller Begierden, Gefühle und Empfindungen in das Nirvana einzugehen, also eine Erlösung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod zu erlangen, als der Dorfmönch. Der Dorfmönch führte sein Leben, um der Bevölkerung Weisheit und Spiritualität zu vermitteln. Dies war geeignet, den Menschen den Weg zur Überwindung von negativem Karma, den Folgen von Ursache und Wirkung, zu ermöglichen, damit auch diese sich in dem Kreislauf des Lebens auf den Weg zur Erlangung der Buddhaschaft begeben können. Darin wird das Mahayana-Ideal deutlich. Bekanntestes Beispiel eines Bodhisattva ist der Dalai Lama. Er wird von den Gläubigen sei-ner Schule als die Reinkarnation von Avalokitesvara angesehen, der Buddha des großen Mit-gefühls.34 Auf der Basis dieser Aussagen möchte ich an den kommenden Vortragsabenden die grundle-genden Lehren Buddhas insbesondere nach den Lehren Thich Nhat Hanhs und Fred von All-mens darstellen. 8
1. Fred von Allmen, Buddhismus, S. 25 f nachfolgend Fred von Allmen 2. Fred von Allmen, S. 27 3. Fred von Allmen, S. 28 4. Fred von Allmen, S. 72 5. Oliver Bottini, Das große O.W. Barth-Buch des Buddhismus, S. 15 nachfolgend Oliver Bottini 6. Fred von Allmen, S. 35 7. Oliver Bottini, S. 29 8. Oliver Bottini, S. 32 9. Oliver Bottini, S. 30 10. Oliver Bottini, S. 28 11. Fred von Allmen, S. 36 12. Fred von Allmen, S. 36, 37 13. Hermann Oldenberg, Die Reden des Buddha, 10. Die ersten Predigten, S.94 unten, nachfolgend Hermann Oldenberg 14. Fred von Allmen, S. 37 15. Oliver Bottini, S. 42 16. Oliver Bottini, Erläuterungen der Begriffe S. 481 17. Fred von Allmen, S. 35 f 18. Fred von Allmen, S. 207 19. Fred von Allmen, S. 207 20. Fred von Allmen, S. 207 21. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 54 22. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 51 23. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 132 24. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 51 25. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 109 26. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 18 27. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 20 28. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 21 29. Fred von Allmen, S. 59 f; H. Bechert und R. Gombrich, Der Buddhismus, Geschichte und Gegenwart, ab S. 293 30. Fred von Allmen, S. 61 - 64 31. Fred von Allmen, S. 42 32. Fred von Allmen, S. 42 f 33. H. Bechert und R. Gombrich, Der Buddhismus, Geschichte und Gegenwart, S. 160 34. Oliver Bottini, S. 263 Der Text ist von Torsten Bechhaus erstellt und nicht zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Insoweit ist er urheberrechtliche geschützt. Eine unentgeltliche und nicht von kommerziellen Gesichtspunkten geprägte Weitergabe ist ausdrücklich unter Hinwies auf die Urheberschaft zulässig. D32600
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Buddhistische Vortragsreihe „Achtsam das Leben berühren„ Referent Torsten Bechhaus Zweiter Vortragsabend Die wesentlichen Lehren 1. Teil Die 4 edlen Wahrheiten
Die 4 edlen Wahrheiten, die ich bereits bei der Einführung als die erste Lehrrede Buddhas nach der Erleuchtung vorgestellt habe, sind: Die Wahrheit von der Existenz von Leid. Die Wahrheit, dass das Leid eine Ursache hat. Die Wahrheit, dass das Leid überwunden werden kann. Die Wahrheit, dass es einen Weg gibt, das Leid zu überwinden. Dies ist der achtfache Pfad. Dukkha ist der Begriff, der gewöhnlich mit Leiden übersetzt wird. Hierunter ist jedoch zu verstehen, dass sich die Dinge nur sehr begrenzt kontrollieren lassen und ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Sie verändern sich, sind unbeständig und können daher keine Sicherheit oder dauerhafte Befriedigung bringen. 35 Unliebsames lehnt man ab, wie folgendes Beispiel zeigt. Eine Veränderung unseres Lebens durch eine Krankheit wird von uns als Leid empfunden. Unabhängig von Schmerzen die auftreten, hadern viele Menschen mit dem Schicksal der Einschränkungen durch Krankheiten. Zum Positiven können sie dadurch aber nichts verändern, so dass die Krankheit dieselbe bleibt. Es besteht die Möglichkeit der eigenen Entscheidung, ob man die Krankheit annimmt und zufriedener und gelassener lebt, oder sich weiteres Leid durch Unzufriedenheit zufügt. Dies ist aber nur durch Veränderung des Bewusstseins aufgrund einer langen Praxis möglich. Im Gegensatz zur Ablehnung von Unliebsamem, haftet man an Liebgewonnenem an. Die Liebe, als Beziehung zwischen zwei Menschen, ist ein Beispiel, das anschaulich für die Unbeständigkeit und die Veränderung eines als positiv empfundenen Gefühls zu einer leidvollen Erfahrung benannt werden kann. Wir glauben und wünschen in dem Moment des Auftretens der Liebe, dass dieses Gefühl für uns dauerhaft erhalten bleibt und uns mit dem Menschen verbindet, den wir lieben. Doch die Liebe bleibt nicht dieselbe. Sie verändert sich und wandelt sich in eine Gewohnheit. Die Strukturen der Beziehung verlaufen in sich wiederholenden Mechanismen, die wir kaum noch bewusst wahrnehmen. Häufig tritt die Situation auf, dass Partner der Meinung sind die Liebe verloren zu haben. Das, was anfangs noch als süß und liebenswert empfunden wurde, wird lästig und nervt. Man begegnet anderen Menschen und plötzlich glaubt man etwas Neues, bisher nicht Gekanntes, entdeckt zu haben. Viele erleben in solchen Situationen, dass sie meinen sich von der alten Beziehung lösen zu müssen, um dem nunmehr gefundenen vermeintlichen Glück den Weg bahnen zu können. Aber so sehr der Wunsch auch bestanden haben mag, die neue Liebe zu halten, so sicher ist doch, dass wieder die Gewohnheiten eintreten. Die Trennung kann zu großem Leiden führen und die Suche nach der wahren Liebe, die aus dieser Sicht nicht dauerhaft befriedigt werden kann, zu einer endlosen Zerrissenheit. Etwas ändern kann nur der, der mit Achtsamkeit und Ruhe versucht den wahren Gehalt der Liebe zu erkennen und sein Leben darauf auszurichten. Erkennt man den wahren Gehalt der Liebe, kann eine länger andauernde Beziehung weit aus glücklicher sein, als eine verspielte Verliebtheit. Jede noch so beständige Liebe endet jedoch in der raumzeitlichen Dimension durch den Tod und den dadurch verursachten Schmerz.
Es lassen sich endlos viele Beispiele dafür finden, dass die Unbeständigkeit positiver Dinge Leid durch die unabdingbare Veränderung aufgrund der Unbeständigkeit beim Einzelnen hervorruft. Erst wenn die Unbeständigkeit als Grundlage aller Dinge erkannt und angenommen wird, kann die Erkenntnis entstehen, dass es keinen Sinn macht Leiden durch den Eintritt der Veränderung zu empfinden. Man kann der Veränderung mit Ruhe und Gelassenheit begegnen, wenn man sich von Anfang an der Veränderung durch Unbeständigkeit bewusst ist. Die Grundlage des Leidens ist unsere falsche Wahrnehmung und die Beständigkeit von Gier als Streben nach unbeständigen Dingen und die Ablehnung unvermeidlicher Dinge. Wer versucht sich diese Wahrheiten der Existenz und der Ursache von Leiden zu verdeutlichen, wird die Richtigkeit schnell feststellen können. Ich sitze an einem Teich und freue mich über die Beobachtung einer Bachstelze. In dem Schilf an dem Teich sehe ich wie eine Libelle gerade schlüpft und empfinde Freude über diese Beobachtung beginnenden Lebens. Doch der erste Flug der Libelle endet jäh, als die Bachstelze sie erblickt und sicher als Beute in der Luft fängt. Wie sortiert man seine Gefühle in einer solchen Situation? Doch nur so, dass man mit Ruhe und Gelassenheit den natürlichen Kreislauf der Unbeständigkeit erkennt. Man sollte aber nicht durch die Erkenntnis der fortwährenden Veränderung eine trübsinnige Grundeinstellung erlangen, da diese leidvoll wäre. Gerade Buddha hat nicht verkannt, dass Freude ein wesentlicher Aspekt im Leben ist. Ohne Freude gäbe es kein Anhaften am Leben und Ergreifen des Kreislaufs des nächsten Lebens. Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass jede Freude unbeständig ist. Thich Nhat Hanh36 sagt zur Frage: „Ist alles nur Leiden?„ „Um auf unserem Übungsweg voranzukommen, müssen wir aufhören, beweisen zu wollen, dass alles leidvoll ist. Wir müssen überhaupt aufhören, etwas beweisen zu wollen. Wenn wir die Wahrheit des Leidens mit unserer Achtsamkeit berühren, werden wir imstande sein, unser spezifisches Leiden und seine speziellen Ursachen zu identifizieren und den Weg zu erkennen, der diese Ursachen beseitigt und unserem Leiden ein Ende setzt.„ Vielleicht hilft dabei die Vorstellung, dass man sich immer weiter von der Erde entfernt und diese aus dem All betrachtet; zuerst noch aus unserem Sonnensystem, dieses verlassend aus der Galaxie, der unser Sonnensystem angehört, und, längst selbst die Sonne nicht mehr wahrnehmend, aus der Tiefe des Universums. Wer in diesem Moment keine Angst, sondern Ruhe verspürt, kann vielleicht die Bedeutung der raumzeitlichen, historischen Dimension im Verhältnis zur letztendlichen Dimension erkennen. Es gibt keine Beständigkeit im Zusammenhang mit dem irdischen Leben und keine damit zusammenhängenden bleibenden Güter. Alles Leben mit Gefühl, ob Mensch, Tier oder Pflanze, hat keine unabhängige körperliche Existenz, sondern entsteht aus einzelnen Zellen, die sich ständig vermehren, absterben und neu entstehen, bis das Leben sich durch den Tod in seiner körperlichen Existenz aufzulösen scheint. Das im Körper gebundene Wasser wird wieder freigesetzt, ebenso wie alle anderen Substanzen. Jedoch hat auch während des Lebens in körperlicher Existenz eine immer fortwährende Veränderung stattgefunden. Das Lebewesen hat Wasser aufgenommen, im Körper umgesetzt und wieder abgegeben. Ebenso ist es mit Mineralien und Energie, die wir zum Beispiel in Form pflanzlicher Nahrung aufgenommen haben. Die Pflanze hat Wasser und Mineralien ebenso aufgenommen, wie die Energie der Sonne. Aus der universellen Distanz lässt sich diese Erkenntnis leichter nachvollziehen. Haftet man an der Vorstellung einer gleichbleibenden körperlichen Existenz an, die es nie auch nur für einen
Augenblick gibt, so wird die Erkenntnis der Veränderung für uns leidvoll, wenn wir verzweifelt danach suchen, diesen fortwährenden Prozess aufzuhalten. Erkennen wir aber als Gesetzmäßigkeit an, dass alles, was unsere körperliche Existenz ausgemacht hat, in Form der vier Elemente, Erde, als feststoffliches Element, Wasser, als flüssiges Element, Feuer, als alles, was Wärme hervorruft, und Luft, als alle gasförmigen Elemente, weiter existiert und auch in neues Leben mit Gefühl übergeht, dann brauchen wir keinen inneren Kampf mehr mit der Erkenntnis unserer eigenen körperlichen Existenz zu führen. Das Leiden hat seinen Ursprung in dem Anhaften an die fünf Gruppen des Daseins, die jedes körperliche Leben mit Gefühl ausmachen. Nicht in der Existenz der fünf Daseinsgruppen, zu denen das körperliche Element gehört, liegt der Ursprung des Leidens, sondern in dem Anhaften. 37 Nicht das Loslassen, sondern das Festhalten schafft Leiden. Die 5 Daseinsgruppen Die 5 Daseinsgruppen (Khandha), auch Aggregate genannt, sind körperliche Form, Gefühlstönung, Wahrnehmung/Unterscheidungsvermögen, Bildkräfte und Bewusstsein. Die fünf Daseinsgruppen geben eine vollständige Beschreibung dessen, was alle Lebewesen, einschließlich Menschen, ausmacht.38 Die Daseinsgruppen werden teilweise unterschiedlich übersetzt und erklärt, meinen jedoch alle die gleichen Abläufe lebender Existenz. Dies gilt zumindest, wenn wir Quellen buddhistischer Mönche zugrunde legen.39 Unterschiede fallen dann auf, wenn Nichtbuddhisten aus dem christlich geprägten Kulturkreis nach dem Studium des Buddhismus versuchen diese Begriffe und Abläufe zu erklären, ohne sie jemals in der Glaubensausübung gefühlt und aus dieser Sicht verstanden zu haben. 40 Diese Erklärungsversuche gehen soweit, dass im Buddhismus einheitlich verwandte Begriffe des „Selbst„ mit „Seele„ übersetzt werden. 41 Damit findet eine Verfälschung des Sinns statt, der auch zu weitergehenden Missverständnissen führt. Das Anhaften, an diese Daseinsgruppen bewirkt unser Leiden, wie es mit dem Begriff „Dukkha„ gemeint ist. Die Anhaftung an Begierden, also an das, was man im Leben als angenehm und erstrebenswert empfunden hat, führt zum Ergreifen des nächsten Lebens, also zur Widergeburt. Ich habe bereits zuvor ausgeführt, dass die körperliche Existenz aus den vier Elementen, Erde, Wasser, Feuer und Luft besteht. Diese Elemente unterliegen auch außerhalb einer körperlichen Existenz, also eines Lebens mit Gefühl, der ständigen Veränderung, so dass man diese Elemente als Leben ohne Gefühl bezeichnen kann. Sie bilden zusammen mit den körperlichen Erscheinungsformen des Lebens mit Gefühl die Objekte unserer Wahrnehmung. Zur körperlichen Form des Lebens mit Gefühl gehören auch die sechs Sinnesorgane, Augen, Ohren, Nase, Zunge, Nervenbahnen und Gehirn. Zum Leben mit Gefühl treten die weiteren vier Daseinsgruppen hinzu. Der Begriff Gefühlstönung ist für die zweite Daseinsgruppe gewählt worden, da es im Deutschen keinen wirklichen Begriff hierfür gibt. Der Pali- oder Sanskritbegriff wird häufig mit „Gefühl„ oder „Fühlen„ übersetzt, was aber zu dem Missverständnis führt, dass von Gefühlen oder Emotionen ausgegangen wird. Gefühlstönung ist das, was einem körperlichen Objekt oder einer emotionalen oder gedanklichen Erfahrung anhaftet und sie als angenehm, unangenehm oder neutral begleitet. 42 Die unangenehme Geschmackserfahrung einer bitteren Medizin ist gemeint; ebenso der schmerzhafte Aspekt der Wut oder das Angenehmsein der Freude. Es ist die Gefühlstönung,
auf die wir mit Verlangen und Festhalten, mit Ablehnung und Hass oder mit Desinteresse reagieren. 43 In der Übersetzung von Thich Nhat Hanh wird das Wort „Gefühl„ benutzt und ausgeführt: „Lasst uns jedes einzelne Gefühl, das da kommt, identifizieren. Es kann angenehm, unangenehm oder neutral sein.„ 44 Weiter wird dort ausgeführt: „Indem wir tief in jedes Gefühl schauen, identifizieren wir seine Wurzeln, die in unserem Körper, unseren Wahrnehmungen oder unserem Tiefenbewusstsein liegen können. Ein Gefühl verstehen bedeutet, seine Transformation möglich zu machen. Wir lernen es, auch unsere starken Emotionen mit der Energie der Achtsamkeit zu umarmen, bis sie sich beruhigt haben.„ Diese Ausführungen gehen schon deutlich über eine begriffliche Erklärung hinaus, jedoch verdeutlichen sie, dass es einen tieferen Sinn hat, sich seiner einzelnen Daseinsgruppen mit ihren Elementen bewusst zu werden. Die dritte Daseinsgruppe wird Unterscheidungsvermögen oder Wahrnehmung genannt. 45 Dies ist das, was erkennt, in Konzepte führt, benennt und den Dingen einen Namen und eine Bedeutung gibt. Aus den komplexen Sinneseindrücken wird ein sinnvolles Ganzes gebildet. 46 Das Unterscheidungsvermögen lässt uns ein rotes Gebilde in einer bestimmten Form als Rose identifizieren. Ständig sind wir einer Fülle von Wahrnehmungen ausgesetzt, die kommen, verweilen und wieder gehen. In diese Gruppe gehören auch der Wahrnehmende und das Wahrgenommene selbst. 47 Unsere Wahrnehmungen sind immer subjektiv geprägt. Wenn wir falsch wahrnehmen, ist auch das Wahrgenommene falsch. Die Wahrnehmung ist die Grundlage für Gier, Hass, Ärger und Eifersucht, aber auch für Liebe, Freude und Ruhe. Es liegt also an jedem selbst, seine Wahrnehmungen zu erkennen und die gedanklichen Konzepte der eigenen Wahrnehmung zu verändern. Viele Menschen empfinden Angst oder Ekel, wenn sie eine Spinne, eine Schlange, eine Maus oder einen Falter sehen. Objektiv gesehen kann man dieses Gefühl nicht als richtig ansehen. Es ist die subjektive Wahrnehmung des Einzelnen. Es gibt Menschen, die diese Tiere aus ihrem subjektiven Empfinden heraus angenehm und interessant finden. Genauso geht es uns beim Umgang mit Menschen. Der eine wird als freundlich und angenehm empfunden und der andere als aggressiv oder abstoßend. Jeder hat eine andere Wahrnehmung der selben Personen. Wir sollten uns bemühen, Wahrnehmungen durch prajña, d. h. tiefe Einsicht und wahres Wissen zu ersetzen.48 Wir müssen uns immer wieder fragen: „Kann ich mir sicher sein, oder täusche ich mich?„ Falsche Wahrnehmung wird uns daran hindern die rechte Anschauung zu erlangen. 49 Habe ich bei der dritten Daseinsgruppe noch davon gesprochen, dass die Wahrnehmung die Grundlage für Gier, Hass oder auch Liebe und Freude sei, so ist die vierte Daseinsgruppe diese Ansammlung von Gefühlen. Hierzu gehören die heilsamen Gefühle, wie Mitgefühl, Liebe, Freude, Vertrauen, Weisheit und Gelassenheit, wie auch die unheilsamen Gefühle, wie Wut, Hass, Eifersucht, Neid und Verlangen. Aber auch Zerstreutheit, Sammlung, Wachheit, Schläfrigkeit, Ruhe oder Aufregung gehören hierzu. 50 Die fünfte Daseinsgruppe ist das Bewusstsein. Das Bewusstsein kann alle Dinge reflektieren, ähnlich einem klaren Spiegel. Das Bewusstsein lässt aber auch alle Dinge erst in Erscheinung treten. Da wir sechs Sinnesorgane haben, entwickelt unsere Wahrnehmung ein entsprechendes Bewusstsein, wenn wir mit einem Objekt in Kontakt treten. Unser Auge tritt in Kontakt mit einem Objekt und wir entwickeln ein Seh-Bewusstsein. Ähnliche Bedingungen gelten für alle Bewusstseinsbereiche. Unser Sinnesorgan tritt in Kontakt zu einem Bewusstseinsobjekt. Ein Geräusch, welches wir wahrnehmen, führt zu einem Hörbewusstsein und die Wahrnehmung eines Gedanken oder eines Gefühls durch unser Gehirn führt zu einem Geist-Herz-Bewusstsein. 51 Die letzten vier Daseinsgruppen können nicht voneinander getrennt werden, sondern sind in jedem Moment der Wahrnehmung alle gleichzeitig vorhanden. 52
Diese vier nichtkörperlichen Daseinsgruppen sind es, die Anhaften oder Ablehnung bei uns hervorrufen. Das Anhaften, also die Begierde nach mehr von dem, was wir als positiv empfinden, führt zum Festhalten am Leben in körperlicher Existenz und damit zum Ergreifen eines neuen Lebens. Die 9 Bewusstseinsebenen Aus dem vorangegangenen lässt sich einfach die Existenz der 9 Bewusstseinsebenen ableiten. Diese bestehen zuerst aus unseren sechs Sinnen, Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen und Denken. Mit den Eindrücken, die wir aus unserer Wahrnehmung entwickeln, verbindet sich die Vorstellung einer eigenen Persönlichkeit, das kleine Selbst. Wir identifizieren uns mit unseren subjektiven Wahrnehmungen und die Schlüsse und Handlungen rechnen wir unserer Selbstexistenz zu, so dass diese siebte Ebene als das kleine Selbst bezeichnet werden kann. Dahinter steht als achte Ebene, die karmische Ebene, aus allen Gedanken und Empfindungen. In unserer karmischen Ebene sind einige Samen von Gedanken und Gefühlen aufgegangen, andere noch vollständig verschlossen. Diese Ebene wirkt ständig unbewusst auf unser Denken, Reden und Handel, so dass dies zu dem Empfinden des kleinen Selbst beiträgt. Wir können aber die karmische Ebene durch unser Bemühen, unsere Achtsamkeit und unsere Versenkung verändern. Indem wir uns der Existenz der verschlossenen und der geöffneten Samen bewusst werden, können wir erkennen, dass wir unser Selbst bestimmen. Durch tiefes Betrachten erkennen und entscheiden wir, welche Samen gewässert werden und welche geöffneten Samen liebevoll in ein ungeöffnetes Samenkorn zurückgeführt werden sollen. Wir haben also die Möglichkeit alles durch das Prinzip von Ursache und Wirkung zu verändern. Die neunte Bewusstseinsebene ist das universelle Sein. Dies ist die Verbindung allen Lebens. Diese wahre Existenz liegt zwischen den Ansätzen der ewigen Fortdauer der eigenen Seele und der nihilistischen Position der endgültigen Auslöschung. 53 Ich werde dies später unter dem Punkt des Nirvana mit näheren Angaben aus den Reden Buddhas weiter ausführen. Ursache und Wirkung als Grundlage des Karmas Die vier edlen Wahrheiten beinhalten als Grundlage das Prinzip der Ursache und Wirkung. Die erste Wahrheit ist die Wirkung der Ursache der zweiten Wahrheit und die dritte Wahrheit ist die Wirkung der Ursache der vierten Wahrheit. Buddha hat dies so ausgeführt: „Spricht oder handelt eine Person aus unheilsamen Geisteszuständen heraus, folgt ihr Leiden, so wie der Wagen dem Ochsen folgt, der ihn zieht. Spricht oder handelt eine Person aber aus heilsamen Geisteszuständen heraus, folgt ihr Freude, so sicher wie ihr eigener Schatten ihr folgt.„ 54 An dieser Stelle wird man vielleicht den Eindruck gewinnen, dass ein Widerspruch dadurch gegeben ist, dass Buddha die Existenz eines unabhängigen Selbst verneint, jedoch das Prinzip von Ursache und Wirkung auch auf eine Wiedergeburt anwendet. Wenn es kein unabhängiges Selbst, keine selbständige Seele gibt, was wandert dann von Leben zu Leben? Wer das Sein richtig versteht wird erkennen, dass das abhängige Entstehen durch Ursache und Wirkung und Leerheit von unabhängiger Selbstexistenz die gleiche Wahrheit verkörpern. 55 Fred von Allmen führt hierzu aus: „Sei es im physischen oder im psychischen Universum, jeder Moment, jedes Ereignis, jede Erfahrung bedingt die nächste. Der gleiche Prozess von Ursache und Wirkung ist auch auf der ethischen Ebene unseres Denkens, Redens uns Tuns am Werk. Es ist das Gesetz des Karma.„ 56
Da die körperliche Existenz vergeht, was für jeden offensichtlich ist, müssen wir erkennen, dass das Nichtselbst bewirkt, dass unser Karma als nicht plötzlich entstehend und verlöschend, sondern als bedingter Prozess erhalten bleibt. Dieses führt zum Ergreifen eines neuen Lebens, so dass das Karma der ständigen Wandlung unterliegt. Wer seinem Verständnis aber nicht die Wiedergeburt zu Eigen machen kann, kann das Prinzip der Ursache und Wirkung auch in diesem Leben erkennen. Die Erkenntnismöglichkeit ist dann deutlich abgeschwächt, da viele den Eindruck gewinnen können, dass man nicht die Auswirkungen der Ursachen in diesem Leben fürchten muss. Wenn ich oft den Eindruck habe, das Leben benachteiligt mich und ich hätte ein besseres Schicksal verdient, dann brennt sich eine tiefe Unzufriedenheit in mein tägliches Leben ein. Wenn ich unter den gleichen Umständen aber die positiven Seiten erkenne und Dankbarkeit für meine Lebensumstände empfinde, dann werde ich ein glücklicheres Leben führen. Wenn ich jemanden nicht mag und schlecht über ihn rede, so wird sich mein Verhalten bei einer Begegnung entsprechend auswirken, vielleicht, weil ich auch fürchte, dass diese Person von meinen Worten gehört hat. Wenn ich aber bezüglich der Person, die ich nicht mag Achtsamkeit übe und mich frage, was ich an dieser Situation ändern kann, so kann ich vielleicht erkennen, dass meine Empfindungen auf falscher Wahrnehmung beruhen. Es mag auch sein, dass ich denke, dass der Weg dieser Person nicht mit meinen Lebensvorstellungen übereinstimmt. Wenn ich mir dann vornehme dieser Person bei einem zufälligen Treffen mit einem ehrlichen und freundlichen Gruß zu begegnen, dann schaffe ich hierdurch eine positive Veränderung. Wichtig ist aber trotzdem Missstände offen, ehrlich und respektvoll anzusprechen. Diese Missstände können nur verändert werden, wenn sie bewusst werden. Bei dieser Benennung müssen Ruhe, Liebe und Mitgefühl die tragenden Säulen sein. Nur so ermögliche ich es einem anderen unter Wahrung seines Gesichts über eine Veränderung nachzudenken. Dass dieses Prinzip nicht mit Schuld und Sühne zu verwechseln ist, habe ich bereits in der Einführung erläutert. Ich will dies an folgendem Beispiel verdeutlichen. In Myanmar, dem früheren Burma, hat der buddhistische Glaube einen so hohen Stellenwert, dass es keiner wagte, den buddhistischen Mönchen Leid zuzufügen. In Myanmar herrscht ein Militärregime, das die Bevölkerung ausbeutet und unterdrückt. Hiergegen ist die Bevölkerung auf die Straße gegangen. Als das Militär gegen die Bevölkerung mit Gewalt vorging, sind die Mönche aus den Klöstern gekommen, um die protestierenden Menschen zu begleiten und zum friedlichen Protest anzuhalten und durch ihre Körper als friedliche Schutzschilde zu schützen. Keiner ist davon ausgegangen, dass es das Militär wagen würde, Gewalt gegen die Mönche auszuüben. Als sich durch die immer größer werdenden Proteste das Militärregime in seiner Existenz bedroht sah, hat es die Demonstrationen mit Gewalt niedergeschlagen, die Klöster gestürmt und die Mönche unter grober Gewaltanwendung festgenommen. Die Unterdrückung war die Ursache für die Proteste. Die drohende Gewalt und die Stellung der Mönche in der Gesellschaft in Myanmar waren die Ursache dafür, dass die Mönche als Schutzschilde sich den Protesten anschlossen. Der Spiegel, den die Mönche den Militärs vorgehalten haben, hat für das Militär zu der Gefahr geführt, dass es sich nicht mehr an der Macht halten kann. Dies hatte den Effekt, dass die Militärs die Gewalt gegen die Mönche als einzigen Weg zum Machterhalt gesehen haben. Die Mönche haben keine Schuld auf sich geladen, die eine Sühne durch Strafe verdient hätte. Es ist die Bedingtheit der Faktoren, die zu der Gewalt gegen die Mönche geführt hat. Die weiteren latenten Wirkungen sind für uns bisher nicht erkennbar. So kann es sein, dass sich wegen dieses Vorgehens innerhalb des Militärs immer mehr Widerstand gegen die Diktatur regt und die Zeit der Militärdiktatur daher deutlich kürzer wird. Es gibt aber auch den Glaubensaspekt, dass sich durch die Anhaftung an Macht, durch Gewalt und Gier die
Umstände des Ergreifens eines neuen Lebens des einzelnen Militärs verschlechtern und sich so negative Auswirkungen auf die Handelnden zeigen. Auch das voranstehende Beispiel zeigt, dass die Tatabsicht wesentlich für die Frage der karmischen Auswirkung ist. Die Tatabsicht ist die Grundlage für die Durchführung der Handlung. Der Erfolg der Handlung im Sinne der Tatabsicht ist dann ein Zufall der Geeignetheit der Tathandlung. Die nachträgliche Bejahung der Tat und die Befriedigung und Freude über das Gelingen der Tat schließen die karmischen Komponenten einer Tat ab. An dieser Aufzählung ist zu erkennen, dass die Tatabsicht ein sehr starkes Gewicht auf die karmischen Wirkungen hat. Eine Tat kann unvollendet bleiben und schon in der Absicht stecken bleiben. Trotzdem entwickeln sich hieraus Wirkungen, die das Karma beeinflussen. 35. Fred von Allmen, S. 78 36. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 29 37. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 184 38. Fred von Allmen, S. 87 39. vergleiche Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre S. 177 bis 184; Fred von Allmen, S. 87 bis 95; 40. Hans Wolfgang Schumann, Handbuch Buddhismus, S. 45 bis 49, nachfolgend Hans Wolfgang Schumann 41. Hans Wolfgang Schumann, S. 47ff 42. Fred von Allmen, S. 90 43. Fred von Allmen, S. 91 44. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 179 45. Fred von Allmen, S. 91 46. Fred von Allmen, S. 91 47. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 180 48. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 181 49. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 57 50. Fred von Allmen, S. 93 51. Fred von Allmen, S. 94 52. Fred von Allmen, S. 95 53. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 10 54. Zitat aus Fred von Allmen, S. 129 55. Fred von Allmen, S. 130 56. Fred von Allmen, S. 130 Kontaktdaten des Referenten Torsten Bechhaus Mail-Adresse „bechhaus@t-online.de„ Tel. 02922/860072 Mobil 01719357602 Der Text ist von Torsten Bechhaus erstellt und nicht zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Insoweit ist er urheberrechtliche geschützt. Eine unentgeltliche und nicht von kommerziellen Gesichtspunkten geprägte Weitergabe ist ausdrücklich unter Hinwies auf die Urheberschaft zulässig. D32636
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Buddhistische Vortragsreihe „Achtsam das Leben berühren„ Referent Torsten Bechhaus Dritter Vortragsabend Die wesentlichen Lehren 2. Teil Die unheilsamen und die heilsamen Handlungen57
Es wird traditionell zwischen zehn unheilsamen Handlungen unterschieden. Hierbei handelt es sich um körperliche, verbale und geistige Handlungen. Die drei körperlichen Handlungen sind: - Töten und Verletzen von Lebewesen, motiviert von unheilsamen Absichten, z. B. Wut, Hass, Gier, Verlangen oder Täuschung. - Stehlen oder Nehmen, was uns nicht gehört, veranlasst durch Verlangen oder Anhaften. - Sexuelles Verhalten, das andere – einschließlich Dritter – verletzt. Wenn wir prüfen, ob wir eigennützig motiviert sind oder ob wir es an Sensibilität mangeln lassen, können wir erkennen, was verletzend wirkt und was nicht. Die vier verbalen Handlungen - Lügen und Unehrlichkeit aller Art. - Verleumdung und schlecht über Dritte reden. - grobes, verletzendes Reden (Fluchen, beißende Ironie, Zynismus und ähnliches) - Sinnloses Geschwätz und Klatsch. Dieses verletzt zwar niemanden, doch verschwenden wir unsere Zeit und Energie und verlieren dadurch Achtsamkeit. Deshalb ist die Situation auch anders zu bewerten, wenn die Tatabsicht einen positiven Inhalt hat. Wir wollen z. B. Kontakt zu jemandem aufnehmen oder ihn aufmuntern. Die drei Aktivitäten des Geistes - Schüren von Habsucht und Begehren. - Hegen von Böswilligkeit und Groll. - Falsche Sichtweise. Die falsche Sichtweise kann sich auf viele Bereiche des Lebens erstrecken und ich verweise auf die nachfolgenden Ausführungen über den achtfachen Pfad, da dort eine Erklärung rechten Erkennens und rechten Denkens ausgeführt wird. Die zehn unheilsamen Handlungen haben als Gegenstück die heilsamen Handlungen, die darin bestehen, willentlich die unheilsamen Handlungen zu unterlassen. Nun kann man sagen, dass es kaum eine Situation gibt, in der man tötet oder verletzt, so dass man nicht in die Situation kommt, dieses willentlich zu unterlassen. Besinnt man sich hier aber auf den Begriff der Lebewesen, so wird uns schnell deutlich, wie häufig im Alltag eine Berührung mit der Frage des willentlichen Tötens geschieht. Denken wir doch nur an unser Essverhalten. Trage ich mit meiner Ernährung zu einer Art des Verletzens oder Tötens bei, die nicht durch Notwendigkeiten der Nahrungsaufnahme zu rechtfertigen sind? Wir müssen nicht alle Vegetarier sein. Doch wenn wir Fleisch essen, sollten wir uns dessen sehr bewusst sein. Wir essen bei uns zu Hause sehr selten Fleisch und wenn wir dies tun, so handelt es sich ausschließlich um Fleisch aus kontrolliert biologischer Tierhaltung. Massentierhaltung ist ethisch nicht vertretbar. Der Kauf solcher Produkte ist ein von Verlangen nach Fleisch getriebenes Denken, dass der Gier nach einem möglichst günstigen Preis und der Täuschung über eine Notwendigkeit zur ausgewogenen Ernährung unterliegt. Jede diese Art der Tierhaltung unterstützende Handlung ist zu unterlassen, da es hierfür keine Notwendigkeit oder Rechtfertigung gibt.
Man kann die heilsamen Handlungen auch in der Meditation trainieren. Man wird sich der Wertevorgaben bewusst und prüft sein Leben auf eine Einhaltung dieser Vorgaben. Diese Prüfung muss offen und ehrlich erfolgen und sollte frei von Selbsttäuschung sein. Häufig neigt man dazu eine Rechtfertigung für das eigene Verhalten zu suchen und wenn man diese nicht findet, eine solche zu konstruieren. Durch das Training in der Meditation verändert man sein Wertesystem so, dass man vorbereitet ist, wenn man mit einer diese Fragen betreffenden Handlung in Berührung kommt, und dadurch keine unbedachten unheilsame Handlungen begeht. Auch in diesem Training ist ein heilsames Handeln zu sehen.
Die fünf Verhaltensvorgaben für Laiengläubige sowie fünf weitere Verhaltensvorgaben für Nonnen und Mönche
Aus den voranstehenden Ausführungen ergibt sich ohne weiteren Erklärungsbedarf, welche Verhaltensregeln von einem buddhistischen Laiengläubigen erwartet werden. Buddhistische Laiengläubige sollen mit dem Bekenntnis zu Enthaltungsregel ihr Verhalten so einschränken, dass niemand geschädigt wird. 58 1) Lebendes nicht zu zerstören – dazu verpflichte ich mich. 2) Nichts Ungegebenes zu nehmen – dazu verpflichte ich mich. 3) Ausschweifungen der Sinneslüste zu unterlassen – dazu verpflichte ich mich. 4) Keine Lügen zu sprechen – dazu verpflichte ich mich. 5) Leichtsinn weckende Rauschmittel zu meiden – dazu verpflichte ich mich. Diese Regeln sind in dem Sinn der unheilsamen und der heilsamen Handlungen auszulegen, da es nicht um das Setzen von Verboten und Geboten geht, sondern darum, von Weisheit getragene Erkenntnis zu erlangen und aus dieser Erkenntnis zu handeln. Nach dieser Auslegung steht es in der verantwortlichen Entscheidung eines Laiengläubigen, ob er zum Beispiel beim Essen ein Glas Wein trinkt, weil er sich sicher ist, auch dadurch nicht zu falscher Rede verleitet zu werden. Thich Nhat Hanh, der seit vielen Jahren in Plum-Village in Südfrankreich lebt, vertritt jedoch die wesentlich strengere Auffassung, dass keine Ausnahme zu machen ist. Er begründet dies damit, dass auch das eine Glas Wein eines Erwachsenen die Einstellung von Kindern beeinflusst und damit die Bedeutung des vermittelten Werts aufgeweicht wird. Man überträgt dadurch einen negativen Ansatz auf die Zukunft und Werte können sich nach und nach verändern. Ich denke, dass die Argumentation von Thich Nhat Hanh vom Grundsatz her richtig ist. Wenn ich in einer realen Welt lebe, in der die negativen Auswirkungen von Alkohol überall sichtbar sind, muss ich gerade als Mönch klare Vorgaben machen, an denen sich die Menschen orientieren sollten. Da es aber im Buddhismus kein Prinzip von Schuld und Sühne gibt, muss ich aus Sicht eines Mahayana-Buddhisten, der allen Lebewesen den Weg der Erkenntnis öffnen möchte, darauf achten, die Menschen in meiner Umgebung nicht abzuschrecken. Der Weg zu einem Leben nach Werten des Buddhismus geht nur langsam, Schritt für Schritt. Wenn ein Mensch von einem Gedanken angesprochen wird, fängt er an sich mit diesem Gedanken zu befassen. Wenn er dann zu eigenen Einsichten gelangt und danach leben möchte, ist es wichtig für ihn, weiterhin ein positives Empfinden zu haben. Man fühlt sich dann gut, wenn man Wertschätzung für sein Denken und Handeln erhält, jedoch nicht, wenn man mit Kritik durch strenge Vorgaben konfrontiert wird, solange man noch nicht in der Lage oder bereit ist diese einzuhalten. Der Einzelne darf sich der Ziele durchaus bewusst sein, benötigt aber die positive Unterstützung auf seinem Weg. Wenn mich jemand um Rat fragt, muss ich ihn nach seinen Verständnismöglichkeiten da abholen, wo er steht. Ich benenne ihm das Ziel und lobe ihn für den ersten Schritt. Nach meinem Verständnis ist die Aussage Thich Nhat Hanhs so zu verstehen. Die alten buddhistischen Regeln für Nonnen und Mönche, die zu den von den Laiengläubigen einzuhaltenden Regeln hinzukommen, lauten: 59
1) Nicht zu unpassender Zeit essen. Hiermit war die Zeit nach Sonnenhöchststand gemeint. 2) Keine Tanz-, Musik- und Schaudarbietungen aufsuchen. 3) Sich als Gast nicht ehren lassen, z. B. Umhängen von Girlanden, kein Schmuck und Parfüm verwenden. 4) Sich nicht bei Einladungen zur Mahlzeit im Haus von Laiengläubigen auf Ehren- und Prunksitzen niederlassen. 5) Kein Gold und Silber (Geld) annehmen. Diese Regeln sollen die Nonnen und Mönche zu einem bescheidenen und würdigen Benehmen veranlassen.
Die drei Dharma-Siegel Bevor der achtfache Pfad als Weg zur Überwindung der leidschaffenden Umstände dargelegt wird, sind zuerst die drei Dharma-Siegel zu erklären. Ohne ein Verständnis hierfür wäre der achtfache Pfad nicht zu verstehen. Die 3 Dharma-Siegel sind Unbeständigkeit, Nicht-Selbst und Nirvana, die für ein besseres Verständnis auch mit Leben mit Form, Leben der Anhaftungen und Ablehnungen und Leben ohne Form bezeichnet werden können. Ich möchte einleitend Auszüge von Übersetzungen der Reden Buddhas wiedergeben, damit ein Gefühl für die Ausdrucksweise und die Aussagen vermittelt werden kann. „Die Körperlichkeit, ihr Mönche, ist nicht das Selbst. Wäre die Körperlichkeit das Selbst, ihr Mönche, so könnte die Körperlichkeit nicht der Krankheit unterworfen sein, und man müsste von der Körperlichkeit sagen können: so soll mein Körper sein, so soll mein Körper nicht sein. Da aber, ihr Mönche, die Körperlichkeit ein Nichtselbst ist, deshalb ist die Körperlichkeit der Krankheit unterworfen, und man kann von der Körperlichkeit nicht sagen: so soll mein Körper sein. So soll mein Körper nicht sein.„ Gleiches wird dann anstatt mit dem Wort Körperlichkeit in Bezug auf Nichtselbst über Gefühlstönung, Wahrnehmung/Unterscheidungsvermögen, Bildkräfte und Bewusstsein gesagt. Danach fährt Buddha in einem Gespräch mit den Mönchen fort: „Wie meint ihr nun, ihr Mönche, ist die Körperlichkeit beständig oder unbeständig?„ „Unbeständig, Herr.„ „Was aber unbeständig ist, ist das Leiden oder Freude?„ „Leiden, Herr.„ „Was aber unbeständig, Leiden, der Vergänglichkeit unterworfen ist, kann man, wenn man das betrachtet, sagen: das ist mein, das bin ich, das ist mein Selbst?„ „Das kann man nicht, Herr.„ Gleiches wird dann wieder in Bezug auf die anderen Daseinsgruppen geäußert. „Wer es also ansieht, ihr Mönche; ein kundiger, edler Hörer der Lehre wendet sich ab von der Körperlichkeit, wendet sich ab von den Empfindungen, wendet sich ab von den Vorstellungen, wendet sich ab von den Gestaltungen, wendet sich ab vom Erkennen. Indem er sich davon abwendet, wird er frei von Begehren. Durch Freiheit vom Begehren wird er erlöst.„ 60 Ein Gespräch des Buddhas mit dem andersgläubigen Asketen, Vaccha, hat folgenden auszugsweisen Inhalt, nachdem Buddha erklärt hat, dass ein Mensch nach dem Tod weder zu einem Sein noch zu einem Nichtsein gelangt und der Asket hierauf seine Verwirrung zum Ausdruck bringt: „Da mag wohl dein Verständnis zu Ende sein, Vaccha, da magst du wohl in Verwirrung geraten. Tief, Vaccha, ist die Lehre, schwer zu schauen, schwer zu verstehen, friedvoll, herrlich, bloßem Nachdenken unerfassbar, fein, nur dem Weisen erkennbar. So lass mich dich hier selbst fragen, Vaccha, und antworte mir, wie es dir richtig scheint.
Was meinst du, Vaccha? Wenn vor deinen Augen ein Feuer brennt, würdest du dann erkennen: Vor meinen Augen brennt ein Feuer? Wenn vor meinen Augen ein Feuer brennte, mein guter Gotama, dann würde ich erkennen: Vor meinen Augen brennt dies Feuer. Wenn man dich nun fragte, Vaccha: Dies Feuer, das vor deinen Augen brennt, wodurch brennt es? – was würdest du, Vaccha, auf die Frage antworten? Wenn man mich fragte, Gotama, so würde ich auf diese Frage antworten: Dies Feuer, das vor meinen Augen brennt, es brennt durch Brennstoff Gras und Holz. Wenn dann dieses Feuer vor deinen Augen erlöschte, würdest du dann erkennen: Dies Feuer vor meinen Augen ist erloschen? Wenn vor meinen Augen dies Feuer erlöschte, dann würde ich erkennen: Vor meinen Augen ist dies Feuer erloschen. Wenn man dich dann aber fragte, Vaccha: Das Feuer, das vor deinen Augen erloschen ist, nach welcher Himmelsrichtung ist es von hier gegangen, nach Osten oder Westen oder Norden oder Süden? Was würdest du auf diese Frag antworten? Ich würde antworten, dass eine solche Frage nicht die Sache trifft mein guter Gotama. Denn wenn das Feuer den Brennstoff, durch den es brannte, Gras und Holz verzehrt hat und keine neue Nahrung erhält, so wird es als verloschen erkannt. Ebenso nun auch, Vaccha, die Körperlichkeit, durch welche man die Vollendeten kennzeichnen möchte: Diese Körperlichkeit des Vollendeten ist dahinten geblieben, ihre Wurzeln sind zerstört, sie ist gleich einem Palmbaum ausgerottet, sie ist der Vernichtung überantwortet, so dass sie in Zukunft nicht neu entstehen kann. Von der Betrachtung der Körperlichkeit, Vaccha, ist der Vollendete erlöst. Er ist tief, unendlich, unergründlich, wie der große Ozean. Dass er zu keinem Sein gelangt, trifft nicht zu. Dass er zu einem Sein gelangt und nicht gelangt, trifft nicht zu. Dass er weder zu einem Sein gelangt, noch nicht dazu gelangt, trifft nicht zu.„ 61 In dieser Lehrrede ist weiter zu einem Zwiegespräch zwischen einem Mönch mit dem Namen Yamaka und dem gelehrigsten Schüler Buddhas, Shariputra, ausgeführt: Yamaka hatte den Irrglauben: „Ich verstehe die von dem Erhabenen verkündigte Lehre dahin, dass ein Mönch, der alle Verderbnis von sich abgetan hat, wenn sein Leib zerbricht, der Vernichtung anheimfällt, dass er vergeht, dass er nicht ist jenseits des Todes.„ Nach einer Erklärung Shariputras geht dieses Zwiegespräch wie folgt weiter: „So ist also, Freund Yamaka, schon in dieser sichtbaren Welt der Vollendete in Wahrheit und Weisheit für dich nicht zu erfassen. Hast du da ein Recht, die Lehrmeinung aufzustellen: Ich verstehe die vom Erhabenen verkündete Lehre dahin, dass ein Mönch, der alle Verderbnis von sich abgetan hat, wenn sein Leib zerbricht, der Vernichtung anheimfällt, dass er vergeht, dass er nicht ist jenseits des Todes? Dies war zuvor, Freund Shariputra, der Irrglaube, den ich Unwissender hegte. Jetzt aber, wo ich den ehrwürdigen Shariputra die Lehre habe verkündigen hören, ist dieser Irrglaube von mir gewichen, und ich habe die wahre Lehre erfasst.„ 62 Ich möchte noch eine Lehrrede in Auszügen darstellen, in der es direkt um den Begriff des Nirvana geht. Diese Lehrrede beinhaltet ein Zwiegespräch eines andersgläubigen Asketen mit Shariputra. „Nirvan, Nirvana, so sagt man, Freund Shariputra. Was ist nun das Nirvana, Freund? Der Begier Ende, des Hasses Ende, der Verblendung Ende: das, mein Freund, nennt man das Nirvana. … Solches erkennend tat der Erhabene zu der Zeit den Ausruf: Es gibt, ihr Mönche, eine Stätte, wo nicht Erde ist, nicht Wasser, nicht Feuer, nicht Luft, nicht die Stufe der Raumunendlichkeit, nicht die Stufe der Erkenntnisunendlichkeit, nicht die Stufe
der Nichtirgendetwasheit, nicht die Stufe von weder Vorstellung noch Nichtvorstellung, nicht diese Welt noch jene Welt, beide Mond und Sonne. Das nenne ich, ihr Mönche, nicht Kommen noch Gehen noch Stehen noch Sterben noch Geburt. Ohne Grundlage, ohne Fortgang ohne Halt ist es. Das ist des Leidens Ende. 63 Ich hoffe, dass mit diesen Zitaten deutlich wird, warum ich immer klar darauf hinweise, dass die Glaubensgrundlage des Buddhismus gerade nicht die „Leere„ oder das „Nichts„ nach dem Tod ist. Buddha selbst hat sich entschieden hiergegen gewandt. Es ist daher mehr als gewagt, die Lehre Buddhas so zu interpretieren. 64 Dies ist nur ein Ausdruck davon, dass die Tiefgründigkeit und das Wesenselement des Nirvana nicht erkannt wurden. Die hier beispielhaft genannte Auslegung Hans Wolfgang Schumanns basiert auf seiner eigenen, allen buddhistischen Lehren entgegenstehenden Übersetzung des Begriffs „Selbst„ als „Seele„. 65 Dann müssten aber Zitate des großen buddhistischen Gelehrten Nāgārjuna als widersprüchlich erkannt werden. Hierzu führt er dann aber aus, dass Leerheit als nichtmateriell dauerhaft sei und begrifflich einen Doppelcharakter habe; die philosophische Leerheitstheorie und die universale Leerheit. Die universale Leerheit sei mit dem Verstand nicht erfassbar. Die philosophische Leerheit dürfe nicht zugrunde gelegt werden, sie sei falsch und zerstöre den Menschen. Sie ist gefährlich und führt zum Verderben. 66 Auf der Basis dieser Erklärungen wird der Buddhismus verwirrend und widersprüchlich. Dies liegt aber nur an einer fehlerhaften Übersetzung und Interpretation. Das Problem hierbei ist die fehlende Kenntnis der Definition „Leerheit von einem unabhängigen Selbst aufgrund fehlender Beständigkeit der körperlichen Formen und der geistigen Faktoren„ 67 Wenn im Prajnaparamita-Sutra Buddha zu Shariputra sagt, dass alle Phänomene durch Leerheit gekennzeichnet sind, sie weder entstehen, noch vergehen, so bedeutete Leerheit die Leerheit von einem eigenen Selbst.68 Wir sollten bei eingehender Betrachtung in der Lage sein zu erkennen, dass es keine Geburt und keinen Tod gibt; kein Kommen und kein Gehen; kein Sein und kein Nichtsein; nicht dasselbe und nicht ein anderes. Wenn wir dies erkennen, können wir unsere Traurigkeit und unser Leid verringern. Dass es keine Geburt und keinen Tod gibt ist das „Sahnehäubchen„ der erleuchteten Weisheit. Verfügen wir über diese Einsicht, werden wir keine Angst mehr haben. 69 Thich Nhat Hanh vergleicht die Versuche Nirvana theoretisch zu verstehen, ohne eigene praktische Erfahrungen zu sammeln, mit jemandem, der den Geschmack einer Mandarine erklärt bekommt, ohne diese je selbst probiert zu haben. Es wird nie möglich sein, diesem den Geschmack zu vermitteln. Genauso ist es mit dem Nirvana. 70 Wenn dann aber jemand die Leerheit beschreibt, der selbst kein Buddhist ist und die tatsächliche Erfahrung nicht kennt, ist dies bei dem Beispiel bleibend so, als wenn jemand der noch nie eine Mandarine gegessen hat einem anderen, der noch nie eine Mandarine gegessen hat, den Geschmack einer Mandarine zu erklären versucht. Wer will dann garantieren, dass nicht ein völlig anderer Geschmack beschrieben wird? Die buddhistische Ausübung besteht nicht darin, dass man Vorstellungen und Konzepte von Unbeständigkeit, Nicht-Selbst und Nirvana entwickelt und im Geist speichert. Dann könnte man Buddhismus an der Universität studieren. Dort lernt man aber nur Theorien und Ideen kennen. Die Praxis geht jedoch darüber hinaus. Das Beispiel Welle und Wasser soll die Begriffe Leben mit Form und Leben ohne Form verstehen helfen. Wenn man das Meer betrachtet kann man die Wellen sehen; große Wellen, kleine Wellen, kraftvoll spritzende Wellen und seichte Wellen. Man kann die Entstehung einer Welle sehen und deren Ende. Dies ist wie mit dem Leben mit Form. Es gibt Wesen aller Art, Stärke und Größe, die geboren werden und sterben. Wenn man die Welle so betrachtet, ist dies die historische Dimension der Welle. Geht man über diese Betrachtung hinaus, erkennt man, dass die Welle Wasser ist. Wenn die Welle ihre wahre Natur ergründen will und sich nur mit
anderen Wellen vergleicht, findet sie sich vielleicht zu klein und kraftlos und hat Angst vor der nächsten großen Welle. Schaut die Welle über die historische Existenz hinaus und erkennt, dass sie Wasser ist, kann sie ihre Angst ablegen, denn auch die große kraftvolle Welle ist nur Wasser. Die Wellen entstehen und vergehen alle wieder, aber sie bleiben immer Wasser. Von Geburt und Tod, vom Entstehen und Vergehen einer Welle ist das Wasser frei. Genau so ist unsere wahre Natur; sie wird nicht geboren und stirbt nicht. Deshalb braucht der Buddhist sich nicht auf die Suche nach einem Gott zu begeben, er braucht sich auch nicht auf die Suche nach der letztendlichen Dimension zu begeben, dem Nirvana, denn wir sind Nirvana. 71 Jeder sollte tief in sich hineinschauen um die Natur von Nicht-Geburt und Nicht-Tod zu erkennen. Dies ist der Weg frei von Angst und friedvoll zu leben. Die Unbeständigkeit durch dauerhafte Veränderung und Abhängigkeit von allen Bedingungen wird deutlich, wenn wir uns der Unbeständigkeit und Abhängigkeit unseres Lebens bewusst werden. Vor 13,8 Mrd. Jahren hat der Urknall stattgefunden, aus dem das uns bekannte Universum und auch die Erde entstanden sind. Die Erde hat einen Abstand zur Sonne, der durch die dadurch bedingten Temperaturen auf der Erde Wasser in flüssiger Form ermöglicht. Vor 2,5 Mrd. Jahren gab es keinen Sauerstoff auf der Erde. Es entwickelte sich eine erste Lebensform im flachen Wasser, die Photosynthese durchführte und so viel Sauerstoff produzierte, bis das Wasser gesättigt war und der Sauerstoff in die Luft abgegeben wurde. Die Kollision der Erde mit ihrem Zwillingsplaneten führte zu der Existenz des Mondes in einer so nahen Umlaufbahn zur Erde, dass sich eine Gezeitenzone mal mit und mal ohne Wasser entwickelte, in der die Evolution von Wasserlebewesen zu Landlebewesen vollzogen werden konnte. Dies war die Grundlage allen Lebens, wie wir es kennen. Ohne diese Bedingungen würde das Leben auf der Erde nicht existieren oder ein völlig anderes sein. Alle Veränderungen sind ein dauerhafter fortwährender Prozess. Ein Mensch entsteht nicht plötzlich mit der Geburt als körperliche Existenz und endet nicht plötzlich mit dem Tod. Der Mensch entwickelt sich aus der Zusammenführung von einzelnen Zellen, er verändert seine Zellstruktur im Leben ununterbrochen, so dass er innerhalb von 7 Jahren seine gesamten Zellen austauscht und er verfällt nach dem Tod und wird zur Erde, zum Staub und zu Wasser. Auch während des Lebens nehmen die Lebewesen ununterbrochen Stoffe in sich auf, ob durch Nahrung oder Atmung, verändern diese Stoffe und geben sie wieder ab. Auf der Basis dieser Erklärung ist auch verständlich, wenn ein buddhistischer Lehrer seinem Schüler, während er die Hand auf den Tisch legt, sagt, dass der Tisch frei von einer Existenz sei. Er hat keine unabhängige Selbstexistenz. In einem Tisch aus Holz ist das Wasser des Regens, den der Baum aufgenommen hat, die Mineralien, die in diesem Wasser enthalten waren, die Energie der Sonne, die den Baum beschienen hat usw. Der Tisch wird wieder vergehen und alle in ihm gebundenen Stoffe wieder freigeben. Genauso verhält es sich mit unseren Gedanken und Gefühlen. Wenn wir tief in uns hineinschauen werden wir feststellen, dass wir frei von einem unabhängigen Selbst sind, also nicht so etwas wie eine eigene Seele haben. Wir haben 6 Sinnesorgane, Augen, Ohren, Nase, Zunge, Nerven und Gehirn. Treffen unsere Sinnesorgane auf Objekte der Wahrnehmung, körperliche Objekte, Geräusche, Gerüche, Nahrung, Berührung/Tasten oder Gedanken/Gefühle/Wahrnehmungen, ergibt sich durch den Kontakt das Bewusstsein Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen und Denken. Durch unsere Wahrnehmung und unser subjektives Empfinden verändern wir unaufhörlich unsere Sichtweise. Hierdurch sind wir in der Lage zu erkennen, dass es auch in der geistigen Welt des Lebens keinen Aspekt gibt, der ein unabhängiges Selbst beinhaltet. Was bleibt also losgelöst von der unbeständigen körperlichen Existenz und dem unbeständigen Bewusstsein,
dass sich nur aufgrund unserer Wahrnehmungen durch die Sinnesorgane gebildet hat? Schauen wir mit diesem Gedanken tief in uns hinein, so erkennen wir Nirvana. Nirvana kann man als eine tiefe, ruhige und friedvolle Verbindung allen universellen Lebens ansehen, welche frei von allen Konzepten ist. Das ist das große Selbst als Leben ohne Form und ohne Anhaftung und Ablehnung. Das ist Nirvana. Deshalb kann man die drei Dharma-Siegel auch als Leben mit Form, das Leben der Anhaftungen und Ablehnungen und das Leben ohne Form bezeichnen. Ein weiterer Aspekt im Buddhismus, insbesondere im Mahayana-Buddhismus, sind die schützenden Kräfte des Lebens. Hierzu sollten wir uns kein Konzept zur Erklärung entwerfen und über die Zugehörigkeit zur karmischen Ebene diskutieren. Wir sollten auf die schützenden Kräfte vertrauen; dürfen diese aber nicht an Gesichtspunkten der Körperlichkeit oder unserer Einstellung zu Anhaftungen und Ablehnungen festmachen. Was man in der Alltagswelt auf dem Weg eventuell als Nachteil ansieht, wird sich häufig später als ein Schutz vor einem falschen Abzweig des Weges erweisen. Es geht also nicht um das momentane Verständnis des Einzelnen.
Der achtfache Pfad Zur Einleitung in den achtfachen Pfad möchte ich aus den Reden des Buddhas zitieren, um einen Einblick in die Ausdruckweise Buddhas zu geben. Ich habe mir erlaubt den Text bei einigen Worten an andere Übersetzungen, als die von mir zitierte, anzupassen, da diese Worte den heute gängigen Übersetzungen buddhistischer Mönche zugrunde gelegt werden und nicht von einem Verständnis aus dem christlichen Kulturkreis geprägt sind. In seiner ersten Predigt nach Erlangung der Erleuchtung hat Buddha in einer Passage ausgeführt: 72 „Zwei Enden gibt es, ihr Mönche, denen muss, wer dem Weltleben entsagt, fern bleiben. Welche zwei sind das? Hier das Leben in Lüsten, der Lust und dem Genuss ergeben: das ist niedrig, gemein, ungeistlich, unedel, nicht zum Ziel führend. Dort Übung der Selbstquälerei: die ist leidenreich, unedel, nicht zum Ziel führend. Von diesen beiden Enden, ihr Mönche, sich fernhaltend, hat der Vollendete den Weg, der in der Mitte liegt, entdeckt, der Blick schafft und Erkenntnis schafft, der zum Frieden, zum Erkennen, zur Erleuchtung, zum Nirvana führt. …. Es ist dieser edle achtteilige Pfad, der da heißt: rechtes Erkennen, rechtes Denken, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Bemühen, rechte Achtsamkeit, rechte Versenkung. Dies, ihr Mönche, ist der vom Vollendeten entdeckte Weg, der in der Mitte liegt, der Blick schafft und Erkenntnis schafft, der zum Frieden, zum Erkennen, zur Erleuchtung, zum Nirvana führt. Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Leiden. Geburt ist Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden, mit Unliebem vereint zu sein ist Leiden, von Liebem getrennt sein ist Leiden, nicht erlangen, was man begehrt, ist Leiden: kurz die fünf Objekte des Ergreifens sind Leiden. Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der Entstehung des Leidens: es ist der Durst, der zur Wiedergeburt führt, samt Freude und Begier, hier und dort seine Freude finden: der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der Aufhebung des Leidens: die Aufhebung dieses Durstes durch restlose Vernichtung des Begehrens, ihn fahren zu lassen, sich seiner entäußern, sich von ihm lösen, ihm keine Stätte zu gewähren. Dies, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit vom Weg zur Aufhebung des Leidens: es ist dieser edle achtteilige Pfad, der da heißt: rechtes Erkennen, rechtes Denken, rechtes Wort, rechte Tat, rechtes Leben, rechtes Bemühen, rechte Achtsamkeit, rechte Versenkung.„
Auf der Grundlage dieser Worte ist der achtfache Pfad im Einzelnen wie folgt zu verstehen: Rechtes Erkennen Rechtes Erkennen bezieht sich auf die Unbeständigkeit und das Nichtselbst, insbesondere auch des Lebens mit Form und Gefühl. Es bezieht sich auf die gesamte Grundlage unseres Denkens und führt zur Befreiung von Geist und Herz. Es ist die Wurzel dafür die unheilsamen von den heilsamen Handlungen zu trennen.73 Hier kann sich für den Einzelnen die Frage stellen, wer denn rechtes Erkennen vorgibt. Da es aber, wie dieses Element des achtfachen Pfades schon ausdrückt, um erkennen geht, liegt es an einem selbst, welche Zusammenhänge man versteht und welche nicht. Zum rechten Erkennen gehört die Anhaftung und die Ablehnung zu erkennen. Hierbei darf man sich nicht von Selbsttäuschung leiten lassen, um die Dinge, die einem positiv für sich selbst erscheinen, als recht anzusehen. Es kann also nicht wie ein Handbuch vorgegeben werden, da dies kein erkennen wäre, sondern es ist ein langer Prozess. Man wird immer wieder mit Herausforderungen im Alltag konfrontiert, deren Lösung und Auflösung im rechten Erkennen liegt. Verdeutliche ich mir das Prinzip von Ursache und Wirkung und von der Unbeständigkeit und Bedingtheit aller geistigen und körperlichen Faktoren, so liegt es an mir die falsche Wahrnehmung aufzulösen. Ich werde dann die heilsamen Wurzeln gießen und die unheilsamen Zustände in die Samen zurückführen. Dies lässt uns den Prozess von Geburt, Alter, Krankheit und Tod anders Empfinden, als bisher. Durch dieses geänderte Erkennen wird sich eine geänderte Sichtweise, also ein anderes Denken einstellen und man begegnet den Veränderungen innerlich vorbereitet und dadurch mit mehr Ruhe. Gleich verhält es sich auch in Bezug auf materielle Werte und Aussehen. Diese bekommen einen anderen Wert, nämlich den, der ihnen zusteht. Sie sind unbeständig und nichtssagend. Dies gilt in Bezug auf die Bedeutung für die Grundlage des Lebens, wie auf die Bedeutung für die Wertschätzung einer Person.
Rechtes Denken/Gesinnung Das rechte Erkennen führt zur Veränderung des Denkens, der Gesinnung. Wir wissen um die Unbeständigkeit und die Nutzlosigkeit des Anhaftens und der Ablehnung. Wir haben das Prinzip des Karmas erkannt. Wir können unangenehme Erfahrungen sich selbst überlassen und finden zu einer liebevollen Haltung. Es geht nicht darum allen schönen Dingen des Lebens zu entsagen und als frustrierte Menschen zu leben, sondern Anhaften in loslassen können und Ablehnung in annehmen können zu verändern.74 Die Unbeständigkeit und das Nicht-Selbst werden zu einem Teil unseres Bewusstseins. Diese Aspekte sind nicht mehr geeignet für uns Leid zu begründen.
Rechte Rede / rechtes Wort Durch die Veränderung unseres Denkens entwickeln wir ein Gefühl für unser Reden. Wir sind immer wachsam darauf, dass wir nicht lügen oder durch Worte täuschen. Wir reden nicht schlecht über andere und nicht gegenüber einem Anderen. Wir erkennen das böse, das zynische oder ironische Wort und wissen um die Verletzung dieser Worte. Diese Worte sind einmal ausgesprochen nicht mehr zurückholbar und die Wirkungen sind entstanden. Wir hören von einem jungen Menschen, der einen Amoklauf begangen hat. Häufig standen hier am Anfang verletzende Worte, die sich immer mehr zu einem Gefühl der Wut und Verzweiflung aufgebaut haben. Das rechte Denken führt dazu, schon das erste falsche Wort unausgesprochen zu erkennen.
Man hört nicht hier, um dort zu erzählen und zu entzweien. Die lange Zeit, die mit Klatsch und Tratsch vergeudet wird, wird als nutzlos erkannt. Wir sollten achtsam darauf sein, dass unsere Worte einen Sinn haben und uns dieses Sinns bewusst sein. Die Absicht des Wortes bestimmt die Wirkung.
Rechte Handlung Bei dem rechten Handeln geht es darum Liebe, Friedfertigkeit und Mitgefühl umzusetzen, damit nicht nur niemand Schaden nimmt, sondern andere im Umfeld erkennen, dass man so in der realen Welt glücklich leben kann. Man übt Gedanken der Achtung vor Leben in seinem Handeln umzusetzen75. Eine geistige Übung ist hier: Im Bewusstsein des Leidens, das durch die Zerstörung von Leben entsteht, bin ich entschlossen, Mitgefühl zu entwickeln und Wege zu beschreiten, die dazu beitragen, das Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien zu schützen. Ich bin entschlossen nicht zu töten und Verletzungen zu unterlassen. Eine weitere Übung besteht darin Freizügigkeit zu üben. Im Bewusstsein des Leids, das durch Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit, Diebstahl und Unterdrückung entsteht, bin ich entschlossen liebevolle Güte zu entwickeln und Wege zu beschreiten, die zum Wohle der Menschen, Tiere, Pflanzen und Mineralien beitragen. Auch in Bezug auf die Sexualität übe ich rechte Handlung. Ich bin entschlossen eine sexuelle Beziehung nur dann einzugehen, wenn sie von Liebe und der Bereitschaft eine langfristige Beziehung einzugehen getragen ist. Ich werde nichts tun, was andere verletzt oder entzweit. Einsamkeit oder fehlender Selbstwert lassen sich nicht durch die körperliche Vereinigung überwinden, sondern schaffen ohne die genannten Grundlagen nur weiteres Leid. Ein heutzutage wichtiger weiterer Punkt ist die Übung achtsam zu essen, trinken und konsumieren. Im Bewusstsein des Leides, das durch unachtsamen Umgang mit Konsumgütern entsteht, werde ich auf meine körperliche und geistige Gesundheit achten, aber auch auf die meiner Familie und der Gesellschaft, indem ich achtsam esse, trinke und konsumiere. Ich will nur das zu mir nehmen, was den Frieden und das Wohl meines Körpers und meines Geistes fördert. Mit diesen Achtsamkeitsübungen erkenne ich nach und nach selbst, wie sich mein Handeln im Alltag verändert.
Rechter Lebenserwerb Dieser Punkt ist dadurch schwierig, dass viele Menschen sich beruflich bereits festgelegt haben, wenn sie mit diesen Regeln in Berührung kommen. Wenn man sich auch im Beruf an den Achtsamkeitsübungen orientiert, so wird man selbst erkennen, welche beruflichen Ausübungen richtig und welche falsch sind. Es stellt sich dann die Frage, ob ich die Dinge innerhalb meiner Berufsausübung ändern kann. Soweit dies möglich ist, werde ich dies sicherlich durchführen. Was mache ich, wenn ich in einer Firma arbeite, die die Luft und die Flüsse verschmutzt oder die Umwelt ansonsten schädlich beeinflusst? Ich erkenne, dass die Finanzmärkte und alles, was damit zusammenhängt, zu persönlichem Leid, sozialer Not und ökologischen Beeinträchtigungen führen. Je nachdem wie weit meine Ideale der Menschenliebe und des Mitgefühls bereits entwickelt sind, werde ich die für mein Leben wichtige Frage der Berufsausübung entscheiden. Der Lebenserwerb ist nicht nur eine individuelle Angelegenheit, sondern Ausdruck eines kollektiven Karmas. 76
Rechtes Bemühen Durch das rechte Bemühen wird unser Denken vor den Feuern der Täuschung der Wahrnehmung geschützt. Das Bemühen ist demnach die „Bewachung der Sinnestore„. Wir müssen unsere Wahrnehmung wachsam kontrollieren, damit die auf uns einströmenden Sinnesreize unsere Emotionen nicht beeinflussen von dem rechten Denken und Handeln abzuweichen. 77
Rechte Achtsamkeit Rechte Achtsamkeit steht im Mittelpunkt der buddhistischen Lehren. Sie ist das Herzstück. 78 Sie bedeutet in Wachheit den Körper, die Empfindungen, den Geist und die Geistesobjekte aufmerksam und wach zu beobachten.79 Sind wir achtsam, so kann unser Denken nur rechtes Denken sein. Wir müssen üben den ganzen Tag über achtsam zu sein. 80 Achtsamkeit verhilft zur Präsenz im Hier und Jetzt. Sie hilft der verwelkenden Blume neue Kraft zu schenken. 81 „Wenn du ganz ruhig und achtsam neben einem Sterbenden sitzt, kann schon das allein helfen, sein Leben in Frieden loszulassen.„ 82 Achtsamkeit führt dazu, dass uns Dinge klar werden. In uns erwachsen Verstehen und Liebe, die Bereitschaft anzunehmen – ganz gleich, was da kommt, und der Wunsch, Leiden zu lindern und Freude zu schenken. Verstehen ist das wirkliche Fundament der Liebe. 83
Rechte Versenkung Samadhi ist der Sanskritbegriff für Meditation oder Versenkung. Achtsamkeit in der Meditation bedeutet, dass man sich nicht einer Meditationssucht und Zuständen des Anhaftens an den totalen Frieden und der Glückseligkeit hingeben soll. 84 Bei der Versenkung sammeln wir uns, indem wir Achtsamkeit auf ein einziges Objekt konzentrieren. Wir sammeln unseren Geist nicht, um vor dem Leid davonzulaufen, sondern um in vollkommener Präsenz zu verweilen. Unabhängig davon, ob wir gehen, stehen oder sitzen, wird unsere Ruhe in dieser Präsenz nicht zu übersehen sein. Wenn wir in diesem Augenblick tief verweilen, wird unsere Sammlung zur rechten Einsicht führen. 85
57 dargestellt nach Fred von Allmen, S. 135 bis 137 58 dargestellt nach Hans Wolfgang Schumann, S. 108 59 dargestellt nach Hans Wolfgang Schumann, S. 108 60 Hermann Oldenberg, Lehrrede 10 S.97, 98 61 Hermann Oldenberg, Lehrrede 92 S.296, 297 62 Hermann Oldenberg, Lehrrede 92 S.300 63 Hermann Oldenberg, Lehrrede 94 S.304 64 so z. B. Hans Wolfgang Schumann, S. 170 - 200 65 Hans Wolfgang Schumann, S. 48 66 Hans Wolfgang Schumann, S. 199 67 Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 22 - 37 68 Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 22 69 Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 24 70 Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 26, 27 71 Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 35, 36 72 Hermann Oldenberg, Lehrrede 10 S.94, 95 73. Fred von Allmen, S. 209 74. Fred von Allmen, S. 210 75 Ausführungen nach Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 96 - 98 76 Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 116 77 Hans Wolfgang Schumann, S. 101 78 Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 68 79 Hans Wolfgang Schumann, S. 102, Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 72 80 Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 68 81 Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 69 82 Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 70 83 Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 71 84 Hans Wolfgang Schumann, S. 105 85 Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 107 Der Text ist von Torsten Bechhaus erstellt und nicht zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Insoweit ist er urheberrechtliche geschützt. Eine unentgeltliche und nicht von kommerziellen Gesichtspunkten geprägte Weitergabe ist ausdrücklich unter Hinwies auf die Urheberschaft zulässig. D 32665
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Buddhistische Vortragsreihe „Achtsam das Leben berühren„ Referent Torsten Bechhaus Vierter Vortragsabend
Leben und Meditation Die 3 Juwelen des Buddhismus sind Buddha, Dharma, Sanhga.
Die Begriffe werden die Juwelen genannt, da sie das Potential, das Gesetz und das Leben insgesamt umfassen, so dass hierdurch Buddhismus insgesamt ausgedrückt werden kann. Zuflucht bei Buddha zu suchen bedeutet, sich der Lehre und der Ausübung widmen zu wollen und die Buddhanatur in sich selbst zu erkennen. Die Buddhanatur ist die Erkenntnismöglichkeit des Gesetzes und der Gewissheit des Nirvana in einem selbst. Dharma ist die Ordnung des Kosmos, wie sie durch die Lehren, die ich dargestellt habe, zum Ausdruck gebracht wird. Sangha ist ursprünglich der Begriff für eine buddhistische Nonnen- oder Mönchsgemeinschaft. Der Begriff ist heute auf jede Gemeinschaft anzuwenden, die nach buddhistischen Lehren in entsprechender Ausübung lebt. Für den Einzelnen ist ein Leben in einer solchen Gemeinschaft wichtig, da ein Austausch in der Lehre und eine gemeinsame Ausübung helfen den richtigen Weg zu erkennen und beizubehalten. Die Gemeinschaft gibt dem Einzelnen Schutz und Beistand. Eine alleinige Ausübung birgt die Gefahr, die rechte Lehre, den achtfachen Pfad und den mittleren Weg zu verlassen.
Buddhistische Ausübung und Meditation Buddha hat keine Regeln für buddhistische Laienausübung vorgegeben, da er diese als Fesseln an das reale Dasein angesehen hat. 86 Unabhängig von der Meditation findet die Ausübung des Buddhismus ununterbrochen in dem eigenen Verhalten in der Alltagswelt statt. Hierbei sind die bereits beschriebenen Wertvorstellungen zugrunde zu legen. Wir sollen in jedem Moment wach und achtsam im Hier und Jetzt leben, um Leiden und Glück zu erkennen und Leiden in Glück zu wandeln. Bei der Ausübung buddhistischer Meditation geht ist nicht darum in übernatürliche Sphären zu gelangen, also einen Zustand der Trance. Ein solcher Zustand hindert die Wachheit und die Achtsamkeit. Es geht darum durch Wachsamkeit und tiefes Schauen zu Erkenntnissen der Weisheit zu gelangen und zuerst sein eigenes Leben in einen friedvollen Zustand zu verändern, um in diesem Zustand offen für alles Leben um sich herum zu sein. Es gibt viele unterschiedliche Meditationsformen, die heutzutage aber auch häufig für spirituelle Oberflächlichkeit missbraucht werden. Bei der Meditation ist es wichtig nicht den mittleren Weg zu verlassen. Man darf nicht in einen Übereifer verfallen oder durch Unachtsamkeit die Meditation vernachlässigen. Beides kann nicht zum Ziel führen. Eine der wesentlichen Grundformen der Meditation besteht darin, zuerst über die Betrachtung des eigenen Atems in einen Zustand körperlicher Entspannung und Wohlbefindens zu gelangen. Da unser Alltagsleben von Gewohnheitsenergien geprägt ist, die den Geist in ständiger Ablenkung mit Gedanken an die unterschiedlichsten Dinge binden, gibt es unterschiedliche Wege diese Gedanken auszublenden. Unsere Gedanken sind selten mit dem Bewusstsein unseres Körpers vereint. Wir arbeiten, gucken Fernsehen oder beschäftigen uns in einer anderen Form. Dabei wissen und fühlen wir aber nicht, wie es unserem Körper gerade geht. Körper und Geist gehören aber zusammen, so dass sich unser Augenmerk zuerst darauf richten muss im Hier und Jetzt anzukommen und wir uns unseres Körpers bewusst werden. Dann stellen wir auch fest, wo unser Körper gerade einen Schmerz oder eine Verspannung
empfindet. Über die Achtsamkeit auf das Hier und Jetzt, werden wir über den Körper zum Geist geführt und versuchen beides in einen friedlichen Einklang zu bringen. Das Tantrayana, Fahrzeug der geheimen Worte, benutzt vereinfacht dargestellt zur Meditation die sich wiederholende Rezitation von Worten als Mantra. Die Rezitation kann eine gute Grundlage sein den eigenen Geist weg von den Alltagsgedanken und hin zur Ruhe und Achtsamkeit zu lenken. In der Meditation ist man wach und konzentriert. Ähnliche Wirkungen wie die Rezitation können entspannende Klänge haben, solange man wach und auf das Ziel der Meditation konzentriert ist. Zwar sind Klänge eine Ablenkung der Sinne, jedoch mag es dem einen oder anderen durch die Klänge leichter fallen, seine Konzentration weg von Gewohnheitsenergien hin zu einer körperlichen und geistigen Präsenz zu führen. Die Meditation kann in allen möglichen Körperhaltungen durchgeführt werden, vom Liegen über das Sitzen bis hin zum Gehen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, in welcher Körperhaltung er in dem jeweiligen Moment am besten Entspannung und Achtsamkeit erreichen kann. Eine häufige Körperhaltung ist der gerade Sitz in der Lotos-, Halblotoshaltung oder im Schneidersitz. Der Einstieg erfolgt, indem der Körper in der jeweiligen Meditationshaltung zur Entspannung geführt wird. Hierzu beobachtet man den Atem bewusst, der über den Bauch geführt wird. Man atmet Ruhe ein und Verspannung und Unruhe aus. Man konzentriert sich nach und nach auf alle Körperteile, Füße, Beine, Hände, Arme, Bauch, innere Organe, Rücken, Schultern, Hals, Stirn, Augen, Wangen und Kiefer. Zuletzt konzentriert man sich auf die Entspannung des Geistes, indem man die Gewohnheitsenergien und die ablenkenden Gedanken mit dem Ausatmen gehen lässt. Wenn der Einstieg erfolgt ist, indem man den Körper entspannt und den Geist zur Ruhe gebracht hat, widmet man sich unterschiedlichen Begriffen, über die man meditiert. Je nachdem wie man sich fühlt und was man in diesem Moment als heilsam erachtet, kann man sich auf die eigene Ruhe und eigene Gefühle konzentrieren, um diese in die Bahnen der gütigen Liebe, des Mitgefühls, der Mitfreude und der Gelassenheit zu bringen, oder man schenkt durch wachsames Schauen anderen Menschen, Lebewesen oder der Natur diese Beachtung. Um einen höchsten Zustand der inneren Ruhe zu erlangen kann man die Meditation auf das Nirvana richten. Dies ist das Leben ohne Form, der Zustand ohne Anhaftungen an körperliches Empfinden und in vollkommener Freiheit von Anhaftungen und Ablehnungen des vermeintlichen eigenständigen Selbst. Um den letzten Schritt durchführen zu können, muss man seinen Geist und Körper geschult haben und geübt in der Meditation sein. Wenn einen ein Gedanke oder Gefühl quält, so ist man achtsam auf diesen Gedanken oder das Gefühl. Man versucht den Grund zu identifizieren. Ich fühle z.B. eine Angst und versuche den Grund der Angst zu erkennen. Ich begegne der Angst mit ruhigem Atmen. Wenn ich den Grund der Angst erkenne, versuche ich dieser ein Gesicht zu geben und der Ursache mit Ruhe zu begegnen. Ich werde dann anhand der Erkenntnis der Unbeständigkeit und des Nichtselbst versuchen die Angst mit dem Ausatmen gehen zu lassen und mir der Bedeutungslosigkeit von Anhaftung und Ablehnung bewusst zu werden. Nur eine tägliche Meditation führt zu einer wirklichen Veränderung. Wichtig ist aber zu berücksichtigen, dass es behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen gibt. In diesem Fall muss man sich psychotherapeutische Hilfe suchen, wobei hierzu der Hinweis erfolgt, dass es auch eine spezielle buddhistische Psychotherapie gibt. Bei dieser werden die psychosomatischen Aspekte der westlichen Therapieformen mit buddhistischen
Elementen und Lehren verknüpft. Die buddhistische Psychotherapie erwartet von dem Patienten eine größere Eigenbeteiligung und ist in der Regel mit täglichen Übungen, die auf den Patienten abgestimmt werden, verbunden. Da der Buddhismus nicht nur negative Zustände aufheben will, sondern insbesondere auch positive Zustände verstärken will, kann man zum Gegenstand der Meditation auch folgende Sätze machen: Ich werde mich für den Schutz aller Lebensformen einsetzen. Ich werde mich für Gerechtigkeit einsetzen. Ich werde nach achtsamem Handeln streben. Ich werde mich für das Glück anderer einsetzen. Bitte verstehen Sie die Ausführungen zur Meditation als eine vereinfachte Beschreibung. Wir müssen lernen den Körper zu entspannen und mit dem Geist tief in uns hineinzuschauen. Wenn wir uns in jeder Situation des momentanen Umstands und Gefühls, welche die Situation ausmachen, bewusst werden und anhalten können, werden wir glücklicher Leben. Wir müssen körperliche Verspannungen erkennen und loslassen, ebenso wie die Gewohnheitsenergien, die unser Denken und Handeln prägen. Wenn wir die wesentlichen wahren Werte erkennen, können wir lernen erst uns und dann alles Leben anzunehmen und so zu sehen, wie es ist. Ein oder zwei Übungstage im Monat helfen zu einer Vertiefung der Wirkungen zu gelangen. An diesen Übungstagen lenkt man sich nicht durch irgendwelche Medien ab, sondern lebt achtsam durch mehrere zeitlich für einen selbst angemessene Meditationsphasen, einen Spaziergang oder eine Wanderung in der Natur und durch achtsames Zubereiten von Speisen und dem Essen selbst. Auch Gespräche in Achtsamkeit über Erkenntnisse und Fragen zum Dharma und zur Ausübung sind möglich. Ansonsten soll man auch die heilsamen Wirkungen des Schweigens erkennen.
Der Inhalt meiner persönlichen täglichen Praxis Nach dem Frühstück beginnen meine Frau Gudrun und ich den Tag mit einer Meditations- und Gebetszeremonie. Ich setze mich in einen dem Schneidersitz ähnlichen Sitz, damit mein Körper in dieser Haltung stabil und entspannt sein kann. Der Rücken ist gerade und der Kopf nicht gesenkt, da schon durch die Haltung das Empfinden beeinflusst wird. Wir beginnen mit einem stillen Gebet, in dem wir Dank für unsere derzeitige Situation empfinden. Der ehrliche Dank in jeder Situation setzt ein positives Erkennen voraus, das zu einer positiven und ruhigen Grundeinstellung führt. So schwer es auch manchmal erscheint, in der gegenwärtigen Situation Dank zu empfinden, so wichtig ist gerade dieser Schritt. Um die Gewohnheitsenergien aus unserem Geist zu verbannen, rezitieren wir danach Passagen aus dem Lotos-Sutra in einer altasiatischen Sprachform. Danach benutzen wir zur weiteren Einstimmung auf die innere Sammlung das Mantra der wiederholenden Rezitation eines Satzes, der die Widmung des Lebens nach den Werten des Mahayana-Buddhismus durch den Titel des Lotos-Sutras zum Ausdruck bringt. Im Anschluss daran sitzen wir schweigend und kommen jeder für sich über die Beobachtung des eigenen Atems zu dem, was wir gedanklich an dem Tag zur Grundlage unserer Meditation machen. In diesem ruhigen und offenen inneren Zustand schließen wir dann mit stillen Gebeten unsere morgendliche Ausübung ab. Bei mir sieht der Inhalt der Gebete wie folgt aus:
1. Gebet „Ich strebe danach mit meinem Bemühen, meiner Achtsamkeit und meiner Versenkung das universelle Gesetz zu erkennen. Das Leben besteht aus dem Leben mit Form, dem Leben der Anhaftungen und Ablehnungen und dem Leben ohne Form. In einer zeitlosen Zeit, also der Ewigkeit, kann nur das Grundlage eines dauerhaft glücklichen Lebens sein, was beständig ist. Das Leben mit Form ist unbeständig. Es besteht aus dem Leben mit Gefühl und dem Leben ohne Gefühl. Das Leben mit Gefühl ist der Kreislauf aus Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Es entsteht nicht plötzlich und vergeht auch nicht wieder, sondern es ist ein ständiger Fluss. Einzelne Zellen stehen am Beginn und teilen sich, vermehren sich, sterben ständig wieder ab, erneuern sich, bis der Körper seine Bestandteile im Tod wieder endgültig dem Leben ohne Gefühl übergibt. Wasser gelangt ebenso wie Mineralien und organische Stoffe in einen anderen Kreislauf. Genauso wie das Leben mit Gefühl unbeständig ist, ist auch das Leben ohne Gefühl unbeständig. Nehmen wir einen Tropfen Wasser, der in einem Blatt eines Baumes am Amazonas gebunden ist. Dieser verdunstet, steigt auf, regnet wieder ab, steigt erneut auf und zieht vielleicht mit einer Wolke nach Europa. Dort regnet er ab und wird vielleicht von einer Rose oder von uns als Trinkwasser aufgenommen. Ebenso verändern auch Mineralien und alle anderen Stoffe ständig ihre Erscheinung. Es gibt nichts, was beständig ist und zu einem dauerhaften Glück führen kann. Das Leben der Anhaftungen und Ablehnungen besteht aus dem, von dem wir immer glauben, dass es unser eigenes Selbst ist. Es besteht aus dem karmischen Speicherbewusstsein, in dem alle Samen von Gefühlen und Gedanken enthalten sind. Die einen Samen sind bei einem Menschen aufgegangen, die anderen noch verschlossen. Diese Grundlagen unseres Denkens und Fühlens sind das, was wir für ein eigenständiges Selbst halten. Es besteht aus den unheilsamen Giften, Hass, Gier und Verblendung, aber auch aus den heilsamen Gegenstücken, Liebe, Bescheidenheit und Weisheit. Achtsam können wir die Hölle aller Leiden, aber auch tiefes Mitgefühl erkennen. Es existiert die Gier nach Macht, Ruhm, Ehre, Reichtum, Sexualität, Nahrung und Überlegenheit genauso, wie die Ruhe der Bescheidenheit. Wir erkennen die Zustände der Angst, Gewalt, des Terrors und der Unterdrückung genauso, wie das Behütetsein, das Zusammenstehen und den Schutz für Schwächere. Wir sehen die Arroganz der Auffassung, dass anerlerntes Wissen die wahre Intelligenz sei und erkennen die Weisheit der tatsächlichen Zusammenhänge. Wir erkennen Lärm und Ruhe, Trauer und Freude und stellen fest, dass wir ständig lernen und Erkenntnisse erlangen. Dieses lässt uns auch die altruistische Natur eines Bodhisattvas erkennen und uns an die Buddhaschaft in uns und allem Leben mit Gefühl glauben. Dies alles ergibt jedoch kein eigenständiges Selbst. Es existiert nur aus den von uns wahrgenommenen Gefühlstönungen heraus. In jedem Moment strömen Dinge auf uns ein, die uns beeinflussen und unser Denken und Fühlen verändern. Je nach dem, was gerade auf uns einströmt, kann sich unser Empfinden völlig verändern. Wir haben also kein eigenes unabhängiges Selbst. Das Leben ohne Form ist Nirvana. Es ist tief und unergründlich, ruhig und beständig. Wir müssen es nicht außerhalb von uns suchen. Genauso, wie eine Welle in ihrer wahren Natur Wasser ist, sind wir und alles Leben mit Gefühl in der letztendlichen Dimension Nirvana, das universell verbundene Leben ohne Form. In Erkenntnis dieser einzigen Beständigkeit strebe ich nach einem Leben in liebevoller Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit, um nach dem universellen Gesetz, dem Dharma, in einer Gemeinschaft mit den Werten einer Sanhga zu leben, damit alles Leben in den Zustand der höchsten Erkenntnis, der Buddhaschaft, eintreten kann. 2. Gebet Ich strebe danach zum Weltfrieden beizutragen. Jeder ist in der Lage seinen Beitrag hierzu zu leisten. Zuerst lösche ich alle Kriege und Feuer in mir aus, um ruhig und gelassen liebevolle
Güte, Mitgefühl und Mitfreude zu empfinden. Ich strebe danach mit dieser Einstellung in meiner realen mich umgebenden Welt zu leben. Durch mein gewonnenes Empfinden werde ich dieses auf die Menschen, Tiere und Natur um mich herum ausstrahlen. Hierdurch verändern sich die Menschen in meiner Umgebung. Dies wirkt auf die Tiere und die Natur und mein Lebensraum wird zu einer friedlicheren Welt. 3.Gebet Ich werde mir des Nirvana in mir bewusst. Ich schaue tief und ruhig in mich hinein und bin bestrebt, alle Konzepte und Vorstellungen in mir verlöschen zu lassen. Ich erkenne die wahre Existenz des Nirvana. So wie die Welle in ihrer wahren Existenz Wasser ist, so ist die wahre Existenz allen Lebens, losgelöst von Körperlichkeit, Anhaftung und Ablehnung, Nirvana. Ich erkenne Unbeständigkeit und Nicht-Selbst als solches und es verbleibt ein tiefes, ruhiges, nicht mit Worten erklärliches Gefühl der Verbundenheit, Nirvana. 4. Gebet Ich denke an die verstorbenen Menschen. In tiefem Mitgefühl erkenne ich, was den Menschen, wie ich ihn kannte, ausgemacht hat. In meinen Gedanken erkenne ich die Verbundenheit allen Lebens und wünsche mir das Karma dieses Menschen aufzulösen, damit Ruhe durch Loslassen von Anhaftung und Ablehnung für diesen eintreten kann. 5. Gebet Ich wünsche mir, dass alles Leben in einer Harmonie nebeneinander besteht, die jedem Leben seinen Raum lässt. Der Kreislauf des körperlichen Lebens ist durch die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme geprägt. Diese Notwendigkeit ist zwangsläufig mit Leiden für anderes Leben verbunden. Ich bin aber in der Lage alles zu erkennen und zu unterlassen, was über diese Notwendigkeit hinaus Leiden bei anderen Lebewesen und Leben hervorruft. Ich wünsche mir, dass alles Leben glücklich bestehen kann. Dieses Glück ist mein Glück.
Alltagsleben Das Leben der Anhaftung und Ablehnung prägt auch die Wertschätzung, die wir selbst für andere empfinden und die wir selbst erfahren. Man sollte sich selbst Lebensbereiche benennen, die durch Achtsamkeit richtig erkannt werden müssen. Hierbei ist in Achtsamkeit, ohne den Versuch der Selbsttäuschung, zu prüfen, was im Einklang mit den eigenen Werten, der Natur und damit mit allem Leben steht. Wir sind nicht nur für die jetzige Zeit verantwortlich, sondern insbesondere für die Zukunft. Diese Ausführungen halte ich bewusst kurz, da die Umstände sich ständig ändern, so dass eine fortwährende Prüfung erforderlich ist, worauf man besonders achtsam sein möchte. Mit der Zeit ändert sich auch das Bewusstsein, so dass die Achtsamkeit immer neue Umstände erkennen lässt. Man kann nicht alles verändern und soll sich hierdurch nicht frustrieren lassen, sondern es soll Achtsamkeit geübt und verfestigt werden. Diese Achtsamkeit soll helfen Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit zu entwickeln.
Friedlicher religiöser Dialog und religiöse Vielfalt Ich möchte an der monotheistischen Geschichte über Noah und den Bau der Arche die Sichtweise des Buddhismus, Weltfrieden und religiöse Vielfalt im Dialog zu verwirklichen, verdeutlichen. Wir müssen in einer Gesellschaft, in der im alltäglichen Leben ein Leben nach ethischen Werten immer mehr zurückgedrängt wird, darauf achten, dass wir uns nicht durch Medien in ein Verständnis mit Feindbildern und Vorurteilen bezüglich verschiedener Religionen drängen lassen. Wir sollten den ernsthaften Wunsch aller großen Weltreligionen nach Frieden und Nächstenliebe erkennen und achten.
Die Arche des Noah ist nach biblischer Überlieferung ein großes Schiff gewesen, welches Noah, auf die Warnung Gottes hin vor der kommenden Sintflut, gebaut hat. Dieses Schiff war sicher vor Sturm, Regen und Flut. In der Arche rettete Noah seine Familie und Paare aller Tierarten. Gott rettete Noah als Verkünder der Gerechtigkeit in der Welt der Gottlosen. Es steht geschrieben, dass die Seelen der Gerechten in Gottes Hand seien und deshalb nicht untergehen, denn ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit, dagegen ist die Hoffnung der Ungerechten, die mit dem Tod einen Bund schließen, leer. Transformiert man diese Bibelerzählung in eine buddhistische Sichtweise des Zusammenlebens, so sind der Sturm, der Regen und die Flut wie das alltägliche Leben in unserer Welt. Menschen, die in ihrer Religion auf der Basis der Grundwerte ihres Glaubens leben, befinden sich auf einem Weg des Mitgefühls und der Nächstenliebe. Der Einzelne ist dann wie eine halbe Walnussschale mit einer Kerze als Licht in der Flut, in dem Sturm und Regen. Die einzelne Nussschale kann sinken und die Kerze erlöschen. Bauen die Menschen aller Religionen zusammen eine Arche des Lebens in gütiger Liebe und Mitgefühl, so ist dort Raum für Gläubige aller Religionen und für alles tierische und pflanzliche Leben, welches in Achtsamkeit geschützt wird. Das alltägliche Leben, dass durch den Sturm, Regen und die Flut gekennzeichnet wird, kann auch dieser Arche nichts anhaben, so dass das Licht der Einzelnen zusammen groß und unverlöschlich ist. Dort sind Freude, Frieden und Verstehen zu Hause, kein Sturm und kein Regen kann eindringen, um dies zu zerstören. Es ist die Erkenntnis der Verbundenheit allen Lebens, frei von den Einflüssen der Vergänglichkeit; die Erkenntnis, dass Wellen auch nur Wasser sind. Es ist und bleibt sicher für einen Nicht-Buddhisten schwierig das Nirvana der Verbundenheit allen Lebens zu verstehen. Der Buddhismus soll den Menschen ihre Eigenverantwortlichkeit deutlich vor Augen führen. Wenn man den Gott der monotheistischen Religionen mit dem Licht eines Leuchtturms vergleicht, das den Nussschalen den Weg zum Licht weisen soll, lebt der Buddhist in der Erkenntnis, dass alles Leben gleichwertig und miteinander verbunden ist und die Lichter schon allein durch diese Erkenntnis zusammengeführt werden. Die Konzepte von richtig oder falsch, höherwertig und minderwertig, von Beständigkeit und von einem eigenständigen Selbst werden aufgegeben. Lassen sie uns deshalb alle Lichter zusammenführen und diese Arche bauen, jeder nach seinem Verständnis. Dies ist der Schlüssel zum Weltfrieden.
„Insel der Achtsamkeit„ als Verständnis achtsam das Leben zu berühren Zum Abschluss möchte ich eine kurze Geschichte von Thich Nhat Hanh unter dem Titel „Insel der Achtsamkeit„ 87 darlegen. Besser kann man die Vortragsreihe nicht zusammenfassen. „Bevor der Buddha starb, lehrte er seine Schüler, Zuflucht zu der Insel der Achtsamkeit in sich selbst zu nehmen, indem sie Achtsamkeit beim Sitzen, Gehen, Atmen und jeder anderen Aktivität des täglichen Lebens übten. Achtsamkeit heißt, sich bewusst zu sein, was im gegenwärtigen Augenblick geschieht. Wenn wir einen friedvollen, glücklichen Schritt machen und wissen, dass wir einen friedvollen glücklichen Schritt machen, dann ist Achtsamkeit vorhanden. Wenn wir achtsam ein- und ausatmen, sehen wir die vielen Elemente des Glücks, die uns bereits zur Verfügung stehen. Achtsamkeit ist Erleuchtung, Verstehen, Mitgefühl, Befreiung und Heilung. Wenn wir alles mit Achtsamkeit berühren, wird sich uns die Welt in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbaren. Achtsamkeit lässt unsere Augen, unser Herz, unseren Nicht-Zahnschmerz, den Mond und die Bäume tief und wunderschön aufleuchten. Wenn wir unser Leiden mit Achtsamkeit umarmen, fangen wir an es zu verändern. Wenn unser Leiden von Achtsamkeit gehalten wird, verliert es an Stärke.„
86 Hans Wolfgang Schumann, S. 108 87 Thich Nhat Hanh, Im Hier und Jetzt zuhause sein, S. 63
Referent: Torsten Bechhaus, Mozartstraße 6, 59457 Werl Telefon 02922/860072, Mobiltelefon 01719357602 E-Mailadresse: bechhaus@t-online.de
Der Text ist von Torsten Bechhaus erstellt und nicht zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Insoweit ist er urheberrechtliche geschützt. Eine unentgeltliche und nicht von kommerziellen Gesichtspunkten geprägte Weitergabe ist ausdrücklich unter Hinwies auf die Urheberschaft zulässig. D 32721
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Buddhistische Vortragsreihe „Achtsam das Leben berühren„ Referent Torsten Bechhaus Erster Vortragsabend Einführung Buddhismus und das Interesse daran in der heutigen Zeit Wir leben in einer Zeit, in der viele Dinge im Vordergrund stehen, bei denen man sich fragt: „Woher hole ich meinen Selbstwert?„ Die Frage welchen Wert ich habe, beantworten wir über berufliche Stellung, Einkommen, Leistungsfähigkeit und Leistungswilligkeit in Bezug auf das, was in unserer Gesellschaft wertgeschätzt wird. Religion, Spiritualität und religiöse Werte findet man sicher nicht an den zuerst genannten Stellen. Auf der anderen Seite fühlen sich viele Menschen orientierungslos und nicht anerkannt. Psychosomatische Erkrankungen oder depressive Verstimmungen werden immer häufiger, so dass die Frage nach dem Sinn des Lebens wieder in das Bewusstsein gelangt. Bei der Suche hiernach trifft man auf ein vielfälti-ges Angebot an Orientierungshilfen, die nicht alle zielführend sind. Da strahlt der Buddhis-mus als eine unbekannte, aber tiefgründig und friedfertig empfundene Orientierungshilfe ei-nen großen Reiz aus. Es gibt vielfältige Angebote von geistiger Schulung durch körperliche Bewegung oder von spirituellen Geistesschulungen. Aber häufig fehlt diesen Angeboten die wirkliche Tiefe, die uns helfen kann, das Leben nachhaltig in einen glücklicheren und zufrie-deneren Zustand zu bringen. Was stellen sich Menschen in unserem Kulturkreis unter Buddhismus vor? Vielfach werde ich nach dem Leiden der Buddhisten gefragt, setzt sich doch der Buddhismus intensiv mit dem Leiden auseinander, so z. B. bei den vier edlen Wahrheiten in Bezug auf das Leiden. In einer Schulklasse, in der ich als praktizierender Buddhist den Buddhismus aus meiner Sicht erklären durfte, wurde ich als erstes gefragt, warum die Buddhisten denn alles als Leiden sehen würden. Diesen Eindruck hatten die Schüler aufgrund der Ausführungen zum Buddhismus in ihrem Schulbuch zum Religionsunterricht gewonnen. Ich hatte als ein buddhistisches Buch „Das Buch vom Glück„ mitgebracht und zeigte nur den Titel, um den Einstieg in die Erklärung eines ersten großen Missverständnisses zu finden. Auch die Erklärungen zur „Leere„ und zum „Nichts„ in so manchen Schriften über den Bud-dhismus sind eher geeignet Ängste zu schüren, als Ruhe und stabiles Glück zu vermitteln, auch wenn das Wort „Glück„ im Buddhismus nicht mit den kurzfristigen Freuden des All-tagslebens gleichzusetzen ist. Diese Missverständnisse und Klischees, insbesondere „Buddhismus ist eine Philosophie und keine Religion„, oder „der Begriff der Leere (mit doppeltem E) ist als Nichts zu deuten„ prä-gen das Bewusstsein über den Buddhismus in unserer Gesellschaft. Dabei ist mit dieser „Lee-re„ eine Leere von einer unabhängigen Selbstexistenz gemeint. Hermann Oldenberg, einer der bedeutendsten Indienforscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hat schon in seinem Werk „Die Lehre der Upanishaden und die Anfänge des Buddhismus„ 1915 ausgeführt: „ Hat man den Buddhismus als eine Religion des Nichts bezeichnet und ihn von hier aus als von dem Kern-punkt seines Wesens zu entwickeln versucht, so hat man es in der Tat erreicht, das, was für Buddha selbst und für die alte Gemeinde seiner Jünger die Hauptsache gewesen ist, ganz und gar zu verfehlen.„ In der Einleitung seines Buches „Die Reden des Buddha„ äußert er, dass Hegel Buddha das Grunddogma zugeschrieben habe, dass das Nichts das Prinzip aller Dinge sei, dass alles aus dem Nichts hervorgegangen sei und auch dahin zurückkehre und merkt hierzu an, dass dies eine Vorstellung sei, zu der Buddha bedenklich den Kopf geschüttelt hät-te. 2
Hierauf werde ich im Rahmen des Vortrags noch näher eingehen. Kann der Buddhismus eine Hilfe in dem Leben der christlichen Welt geben? Und wenn ja, wobei und wie? Kann er Nichtbuddhisten auf deren Weg in einem anderen Glauben eine Hilfe oder Anregung geben, ohne zu verwirren? Es gibt heute eine Vielzahl von Vorstellungen, dass der Buddhismus im Wesentlichen eine Meditationsform sei, um Geist und Körper dadurch in Einklang zu bringen, dass man mal einen Moment im Leben anhält und in sich geht. Deshalb gibt es auch Bücher, die die Vor-stellung vermitteln, dass man innerhalb weniger Tage durch Meditationserfahrung ein freies und sinnerfülltes Leben führen könne. Dies kann aber nicht auf die Schnelle erreicht werden. 1 Es ist ein langsames Herantasten und das Beschreiten eines vom eigenen Wunsch getragenen Weges über Jahre erforderlich. Der Weg führt zur Weisheit und tiefen Verbundenheit. 2 In unserem Kulturkreis gibt es eine Vielzahl von Angeboten unterschiedlicher buddhistischer Schulen und Richtungen, die nicht in richtig oder falsch eingestuft werden sollten. Jeder, der diese Erfahrungen machen möchte und einen solchen Weg weiter gehen will, sollte für sich prüfen, welche Form seinem Empfinden und Verstehen entgegenkommt und daher für ihn zielführend ist. 3 Der Westen erlebt einen Anfang einer buddhistischen Praxis. Hieraus sollte sich nicht eine weitere Religion mit Dogmen entwickeln, die in religiöse Konkurrenz zu be-stehenden Religionen tritt, sondern ein Beitrag zu einem friedlicheren und harmonischeren menschlichen Zusammenleben. 4 Wenn dieser Standpunkt im Vordergrund steht und Hilfe zur Achtsamkeit, zum Mitgefühl und zur Ruhe vermittelt wird, kann jeder Andersgläubige sich mit diesen Gedanken befassen, ohne dass er hierdurch in seinem Glauben verunsichert wird. Buddha ist ein erleuchteter Mensch und kein göttliches Wesen. Buddhismus ist ein gottloser Glaube in Bezug auf die Definition, dass Gott allem übergeord-net und ein Schöpfergott ist. Buddhismus enthält jedoch ein mystisches Element. Mit „mys-tisch„ ist hier nicht ein geheimnisvolles, magisches Element gemeint, sondern etwas nicht Beweisbares und schwer Erklärliches. Hierzu führt Oldenberg in der Einleitung „Die Reden des Buddha„ aus: „Texte deuten leise und doch, scheint mir, unmissverständlich darauf hin, dass diesen Erlösungsdurstigen ein über Sein und Nichtsein, über alle Ausdrückbarkeit mit den Mitteln irdischer Sprache und irdischen Denkens unendlich erhabenes Jenseits in der Tat vorgeschwebt hat.„ Es gibt zwar kein Diesseits und kein Jenseits nach buddhistischer Vorstellung, wie es in unse-rem Kulturkreis mit christlichem Verständnis bekannt ist, jedoch eine Art universellen Lebens ohne Form. Buddha hat hierzu nie eindeutige Aussagen gemacht, da er ein Streitgespräch hierüber als nicht zielführend bezeichnete. Ich werde später auf die diesbezüglichen Lehren und die Beschreibungen buddhistischer Gelehrter eingehen. Verunsichern kann an dieser Stelle, wenn man in buddhistischen Schriften von Göttern liest. Hierzu muss man wissen, dass die Götter nicht als Götter in einem monotheistischen Glau-bensverständnis gesehen werden, sondern Gottheiten eine hohe eigene Lebensform darstellen. Mit einer hohen Lebensform ist eine nichtkörperliche Existenz gemeint, bei der die Leiden eines körperlichen Daseins nicht vorhanden sind. Eine solche hohe Lebensform gehört noch zum Kreislauf der Wiedergeburt und sichert nicht davor, wieder auf eine niedrigere Lebens-form zurückzufallen, wenn der Weg der Befreiung von Anhaftung an Hass, Gier und Ver-blendung nicht konsequent weiter beschritten wird. Man kann hier das Bild von nichtkörperlichen Bodhisattvas ansiedeln. Zum Verständnis ist auszuführen, dass ein Bodhisattva ein Menschen ist, der die Erkenntnisse eines Buddhas er-langt hat, jedoch aus selbstlosen (altruistischen) Gründen im Kreislauf der Wiedergeburt 3
bleibt, um allen Lebewesen die Möglichkeit zu schaffen, sich durch erlangen eigener Er-kenntnisse aus diesem Kreislauf zu befreien. Die Angehörigkeit zu einem anderen Glauben steht der Ausübung von buddhistischen Prakti-ken nicht entgegen. Niemand muss seine Religion wechseln, um an buddhistischen Traditio-nen teilzuhaben. Buddhismus erweist sich als eine tolerante und weltoffene Religion, die den Zweck verfolgt, in einen überkonfessionellen friedlichen Austausch mit anderen Religionen und Kulturen zu treten.5 Ein gutes Beispiel dafür liefert das 16. Kapitel des Lotos Sutra, ein bedeutender Lehrtext des Mahayana-Buddhismus. Dort wird ausgeführt, dass zu unterschied-lichen Zeiten an unterschiedlichen Orten die Lehre je nach dem Verständnis der Menschen in unterschiedlicher Weise dargelegt wird. Die Unterschiede in der Darlegung seien keine Lüge in der Lehre, sondern ein hilfreiches Mittel, um die Lebewesen von den Begierden abzubrin-gen. Entscheidend sei, die Lebewesen dazu zu bringen, in die unübertroffene Weisheit einzu-treten. Es gibt zahllose buddhistische Richtungen und in diesen viele unterschiedliche Schulen, die nicht alle genannt und behandelt werden können. Die bekanntesten Hauptrichtungen sind Theravada, Hinayana, Mahayana und Vajrayana, auf die ich später noch eingehen werde. Historische Daten Gautama Siddharta, der historische Buddha, lebte ca. 560 bis 480 v. Chr. Neuere Forschungen gehen von einer bis zu hundert Jahre späteren Lebenszeit aus. 6 Gautamas Familie gehörte zum Geschlecht der Shakya und lebte im Norden Indiens im Grenzgebiet zu Nepal. Sein Vater war eher Gouverneur als Fürst.7 Er war verheiratet und hat-te einen Sohn, als er mit ca. 29 Jahren das Haus verließ und in den hauslosen Stand eintrat. (Die Legende über die 4 Ausgänge mit der Konfrontation mit Leid und Vergänglichkeit des menschlichen Daseins8 ist ebenso unbedeutend, wie Legenden über den Eintritt als weißer Elefant in den Leib der Mutter9.) Es herrschte das Kastensystem, an dessen Spitze die Brahmanen als intellektuelle geistliche Elite standen. Die Brahmanen sangen als Priester die Hymnen der Veden, die den Kontakt mit den Göttern ermöglichten. Veden sind im Brahmanismus übermenschlichen Ursprungs und haben göttliche Autorität.10 Vereinfacht ausgedrückt herrschte eine Opferreligion. Das Schicksal der Menschen lag in der Hand der Götter, die durch Opfer freundlich gestimmt werden mussten.11 Viele spirituell lebende Männer zogen als heimatlose Asketen, Wanderer oder Mönche durch das Land und übten sich in Meditation, zu der vor allem Sammlungspraktiken bis hin zu tie-fen Versenkungsstufen zählten.12 Zuerst hat Gautama für ungefähr 6 Jahre als Asket gelebt und magerte bis auf die Knochen ab. Er war Schüler von unterschiedlichen „Wandermönchen„ im hauslosen Stand. Er stellte jedoch fest, dass dies nicht zur Befreiung von Leiden führen konnte und trennte sich deshalb von den Weggefährten, mit denen er in einem asketischen Lebenswandel unterwegs war. Gautama Siddharta stellte fest, dass die Lehren, die ihm zuteilwurden, ebenfalls nicht zur Be-freiung von Leiden führten und versuchte daher alleine zur Erkenntnis durch Meditation zu gelangen. Er betonte den „mittleren Weg„ als Verhaltensvorgabe des Lebens nach seiner Lehre, da weder übertriebene Askese noch übermäßiger Genuss zur Befreiung von Leiden führen können. 13 Aus heutiger Sicht ist der „mittlere Weg„ ein Leben mit sehr vielen Entbeh-rungen, den wir als Angehörige der Wohlstands- und Konsumgesellschaft bereits als asketisch 4
ansehen würden.14 Der mittlere Weg ermöglicht es den Menschen ihre Kräfte zu entdecken und zu fördern, die bei den Extremen verschüttet und zerstört werden.15 Während einer viele Tage dauernden Meditation unter einem Feigenbaum erwachte er zur Erleuchtung. Er erkannte worin Leid seine Ursachen hat und wie dies überwunden werden kann. Der Zustand dieser Erleuchtung wird Buddhaschaft genannt. Alle Menschen sind in der Lage die Erleuchtung zu erlangen. Deshalb tragen alle die Buddhaschaft als Potential in sich. Nach seiner Erleuchtung zog Buddha für den Rest seines Lebens mit einer immer weiter wachsenden Zahl von Anhängern durch das Land und hielt eine große Fülle von Lehrreden. Er gründete einen Orden der Mönche und Nonnen. Er wollte keine neue Religion gründen, sondern das Dharma (Ordnung des Kosmos16), die Lehre und die Praxis zur Befreiung des Geistes und Herzens, verbreiten.17 Seine erste Lehrrede nach Erlangung der Erleuchtung ist die der 4 edlen Wahrheiten: Die Wahrheit von der Existenz von Leid. Die Wahrheit, dass das Leid eine Ursache hat. Die Wahrheit, dass das Leid überwunden werden kann. Die Wahrheit, dass es einen Weg gibt, das Leid zu überwinden. Dies ist der achtfache Pfad. Der achtfache Pfad besteht aus rechter Erkenntnis, rechter Gesinnung / Denken, rechter Rede, rechter Handlung, rechtem Lebenserwerb, rechtem Bemühen, rechter Achtsamkeit und rechter Versenkung. Die acht Bereiche lassen sich in drei Gruppen aufteilen, 2 Bereiche gehören zur inneren Ebe-ne der Weisheit, 3 zu der äußeren Ebene des ethischen Verhaltens und 3 gehören zum Medita-tionsaspekt.18 Auf die acht Bereiche werde ich später im Einzelnen eingehen. Der achtfache Pfad wird auch als das Rad der Lehre bezeichnet,19 da man mit jedem Punkt beginnen kann und alle miteinander verbunden sind. Alle Punkte bedingen und unterstützen sich gegenseitig.20 Buddhas Worte waren: „Wo immer der achtfache Pfad praktiziert wird, sind Freude, Frieden und Verstehen zu Hause.„21 Jede authentische Lehre beinhaltet die 3 Dharma-Siegel; Nicht-Dauer, Nicht-Selbst und Nir-vana.22 Nicht-Dauer ist mit Unbeständigkeit gleichzusetzen.23 Die Nicht-Dauer oder Unbeständigkeit beinhaltet, dass kein Ding von einem Augenblick bis zum anderen unverändert bleibt. Das Nicht-Selbst bringt zum Ausdruck, dass nichts über ein unabhängiges eigenes Selbst verfügt. Nirvana bedeutet wörtlich „das Verlöschen aller Kon-zepte„. Dies bedeutet Stabilität und Freiheit: Freiheit von allen Ideen und Vorstellungen.24 Es ist zwischen einer historisch realen Welt und der letztendlichen Dimension zu trennen. „In der letztendlichen Dimension sind wir niemals geboren worden und werden niemals ster-ben. In der historischen – oder raumzeitlichen – Dimension leben wir achtlos dahin und sind kaum jemals wirklich lebendig. Wir leben, als seien wir Tote.„25 „Wirkliches Leben erfahren wir nur im Hier und jetzt. Die Vergangenheit ist schon vorüber, und die Zukunft ist noch nicht da. Nur im gegenwärtigen Augenblick können wir das Leben wirklich berühren.„ 26 Deshalb kann man sagen, dass Achtsamkeit die Energie der vollkom-menen Präsenz ist. Dies ist die Grundvoraussetzung für wirkliches Leben. Du hast eine Ver-abredung mit dem Leben. Diese Verabredung findet im gegenwärtigen Augenblick statt. Wenn du diesen Augenblick verpasst, verpasst du deine Verabredung mit dem Leben. 27 5
Deshalb sollte das Leben nach dem buddhistischen Prinzip ablaufen: „Laufe nicht der Ver-gangenheit nach. Verliere dich nicht in Sorgen um die Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen. 28 Ein grundlegendes Prinzip im Buddhismus ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Jede Ursache, die man setzt, hat eine sofortige Wirkung, die sich nicht sofort zeigen muss, sondern latent vorhanden ist, deren Eintritt jedoch sicher ist. Es geht dabei um die Bedingtheit aller Faktoren, so dass nichts aus sich selbst heraus entsteht. Dieses Prinzip hat nichts mit Schuld und Sühne zu tun. Die Wirkung einer negativen Ursache ist nicht im Sinn von Strafe zu sehen, sondern ist die sichere Folge aus der Bedingtheit der Abläufe. Der Gedanke, der zum Wort oder zur Handlung wird, ist unabänderlich in der Welt, so dass auch die Wirkung des Wortes oder der Handlung in der Welt ist. Wann und wie sich die Wirkung zeigt, ist jedoch ungewiss. Die Wirkung kann auch ein Erkennen und eine Ein-sicht des Redenden oder Handelnden sein, aus der eine Veränderung bei ihm erfolgt. Dadurch kann erreicht werden, dass negative Konsequenzen einer negativen Rede oder Handlung durch nachträgliches positives Wirken abgeschwächt werden. Oft sind negative Schlüsseler-lebnisse der Anlass zur positiven Veränderung. Bei den Darstellungen der Lehren werde ich hierauf noch einmal näher eingehen. Jeder trägt alle Samen von Gefühlen und Empfindungen in sich. Buddha ist von 51 solcher Samen ausgegangen. Dies sind zum Beispiel die drei unheilsamen Wurzeln, Hass, Gier und Verblendung, aber auch die positiven Gegenstücke, Liebe, Bescheidenheit und Weisheit. Je nachdem, welche Motivation dem Denken, Reden und Handeln zugrunde liegt, zeigen sich die Wirkungen. Das vielfältige Geflecht eines Menschen mit seinen inneren und äußeren Zu-ständen ist die Grundlage seines Lebenszustands. Der Einzelne hat es selbst in der Hand die unheilsamen Samen nicht zu gießen oder gießen zu lassen und die positiven Samen zu gießen und hervorzubringen, um seinen Lebenszustand zu verändern. Der Begriff Karma, in wörtli-cher Übersetzung „Taten„, benennt das sogenannte Speicherbewusstsein, in dem sich die Auswirkungen von Ursache und Wirkung zeigen. Lebensgrundlage eines gläubigen Buddhisten sollten die vier grenzenlosen Geisteszustände Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gelassenheit sein. Da es um einen uneigennützigen Lebens-weg geht, ist eine altruistische Einstellung das Idealbild. Hierbei ist Wert auf die genauen Begriffe und ihre Bedeutung zu legen. Liebe wird heutzutage viel zu häufig in Zusammenhängen benutzt, die der gemeinten ursprünglichen Bedeutung nicht gerecht werden. Man sagt, ich liebe eine Speise, ich liebe einen Film usw. Liebe ist hier als uneigennütziges, offen und ehrliches Gefühl gemeint, so dass vielleicht durch die Worte liebevolle Güte deutlicher wird, was gemeint ist. Mitgefühl ist nicht Mitleid, da es nicht da-rum geht mit dem Anderen zu leiden, sondern die Gefühle des Anderen erkennen und nach-vollziehen zu können, da man dann in der Lage ist durch eine richtige Reaktion zu helfen. Gelassenheit ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Es geht darum jede Situation ruhig und gelassen anzunehmen, da man nur so in der Lage ist die Ursachen der Situation zu erken-nen und zu entscheiden, ob es eine als weise gebotene Handlung gibt. Wenn es keine Hand-lungsmöglichkeit gibt, kann ich noch so lebhaft reagieren, ich kann dadurch nichts verändern und schaffe durch fehlende Gelassenheit nur eigene Leiden. Auf Einzelheiten dieser und weiterer Lehren und ihre Bedeutung werde ich an den kommen-den Vortragsabenden eingehen. 6
Die Ausbreitung des Buddhismus fand zuerst in Richtung Süden und später Richtung Nor-den statt. In der südlichen Verbreitung, die sich nachfolgend südöstlich fortsetzt, war und ist der Theravada-Buddhismus vorherrschend. Die Ausbreitung nach Norden und dann in östli-che Richtung fand überwiegend in Form des Mahayana-Buddhismus statt. Da der Buddhis-mus den Menschen einen Weg öffnen will, passt er sich in den jeweiligen Ländern stark den dortigen Religionen und Kulturen an, so dass sich im Laufe der Jahrhunderte unendlich viele unterschiedliche Schulen herausgebildet haben. Erst im 7. Jahrhundert nach Christus fand der Buddhismus in einer ersten Ausbreitung den Weg nach Tibet, die bis ins 9. Jahrhundert an-dauerte. Danach wurde er dort noch einmal zurückgedrängt, bevor er im 11. Jahrhundert eine neue Stärke entwickelte.29 Aus dem Mahayana-Buddhismus entwickelte sich der Vajrayana-Buddhismus, auch Diamantweg genannt. Dies ist eine tantrische Tradition. Tantra ist eine spezielle Meditationspraxis. Durch die Beherrschung von psycho-physischen Energien soll die Buddhaschaft im Diamantweg schneller und dauerhaft erreicht werden. Der tibetanische Buddhismus ist wiederum stark von dortigen kulturellen und religiösen Traditionen beein-flusst. Auch in der heutigen Zeit gibt es in Tibet vier Haupttraditionen, was häufig nicht bekannt ist, da man den 14. Dalai Lama der Gelugpa-Schule als das religiöse Oberhaupt aller Tibeter an-sieht. Es gibt in Tibet aber zum Beispiel noch 8 große Kagyü-Schulen mit dem im Westen bekann-ten 16. Karmapa Rangjung Dorje als geistlichem Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule. 30 Es ist nicht hilfreich auf die Vielzahl der buddhistischen Strömungen an dieser Stelle weiter einzugehen, es soll nur dafür sensibilisiert werden, dass sehr viele buddhistische Aussagen existieren, die durch kulturelle und religiöse Praktiken und Rituale des Verbreitungsgebiets, aus dem sie stammen, geprägt sind. Im Buddhismus kommt es aber immer darauf an, was für den eigenen Weg hilfreich ist. Dies haben wir, meine Frau Gudrun und ich, auf unserem buddhistischen Weg auch selbst erfahren. So sind wir aus einer japanischen Richtung kommend nunmehr durch die Lehren Fred von Allmens geprägt, der sehr viele unterschiedliche Lehrer von Theravada bis hin zu Vajrayana hatte, aber insbesondere von den Lehren Thich Nhat Hanhs, der als vietnamesi-scher Zen-Meister seit langem im südfranzösischen Plum-Village lebt. Die Übermittlung der Lehren erfolgte in der Zeit nach Buddhas Tod in auswendig gelernten Rezitationen der Lehrtexte. Dies war zu jener Zeit üblich, da man die mündliche Überliefe-rung für präziser hielt, als schriftliche Aufzeichnungen. Die seinerzeitige Rezitation war so präzise, dass man auch noch lange nach dem Tod von Buddha die richtigen Lehrreden erken-nen konnte. Es kamen jedoch immer mehr erklärende Lehren hinzu, über die diejenigen, die diese verbreiteten sagten, dass diese Lehren auch von Buddha gelehrt wurden, jedoch nicht für jeden zu hören waren. In den ersten 2 Jahrhunderten nach seinem Tod fanden 3 Konzile statt, in denen man sich auf authentische Lehren einigen wollte. Erste schriftliche Aufzeichnungen dürften nach heutigen Erkenntnissen Texte in Pali aus dem 1. Jahrhundert v. u. Z. sein, die bei einem inhaltlichen Abgleich etwas älter sein müssen, als die kurz danach oder fast zeitgleich entstandenen Sanskrittexte. Beides sind alte indische Sprachen, wobei Pali im südlichen Teil Indiens auch bis hin nach Sri Lanka verbreitet war. Die Texte wurden auf Palmblätter geschrieben, die zum Teil bis heute erhalten sind. Die alten Texte in Pali enthalten die so genannten drei Körbe (tripitaka), die Lehrreden (sutra), die Ordensregeln (vinaya) und die buddhistische Psychologie und Philosophie (abhid-harma) und sind vollständig erhalten geblieben.31 Die ersten Schulen werden Theravada (Schule der Ältesten) genannt. Die Aufteilung in die Begriffe Mahayana und Hinayana haben mit dem eigenen Weg des gläubigen Buddhisten zu tun. Aus dieser Sicht ist es schwierig, den Theravada-Buddhismus mit Hinayana gleich zu 7
setzen, da es in den Theravada-Traditionen unterschiedliche Einstellungen und Rollen der Mönche gab und gibt. Hinayana bedeutet kleines Fahrzeug und geht von der Grundlage aus, dass der Gläubige für sich die Erleuchtung erlangen will, um in das Nirvana einzugehen. Dies soll die Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt bedeuten. Bei den Mahayana-Texten handelt es sich überwiegend um in Sanskrit verfasste Texte. Sanskrit ist eine Sprache, die im Norden Indiens verbreitet war. Mahayana bedeutet großes Fahrzeug. Die Gläubigen wollen anderen Menschen helfen die Erleuchtung zu erlangen und bleiben im Ideal als Bodhisattva (ein altruistisch, uneigennützig lebender Mensch, der die Erleuchtung erlangt hat) aus freier Entscheidung in dem Kreislauf von Geburt und Tod, um allen Menschen den Weg zur Erleuchtung und Befreiung vom Leiden darzulegen und ihnen die Befreiung zu ermöglichen. Ein missionarischer Gedanke ist hierin jedoch nicht enthalten. Die Sanskrittexte sind zu einem großen Teil im Original mit dem Untergang des Buddhismus in Indien verloren gegangen, überlebten aber in z.B. chinesischen Übersetzungen.32 Ein Beispiel soll die innere Einstellung der Mönche in alten Theravadaschulen auf Sri Lanka verdeutlichen. Die Mönche lebten in Gemeinschaften mit Verhaltensidealen, die „Sangha„ genannt werden. Die Gemeinschaften lebten in der Nähe von Dörfern und ernährten sich von Spenden der Bevölkerung. Dafür waren sie als Prediger, Lehrer und Gelehrte tätig. Die zu-nehmende Verstrickung des Sangha mit dem weltlichen Leben stand in erheblichem Wider-spruch zu dem ursprünglichen Idealbild moralischer Reinheit. Um einer Verweltlichung ent-gegenzutreten ging man dazu über, den Sangha in zwei Gruppen aufzuteilen. Die eine Gruppe bestand aus den Dorfmönchen, die im Dorf lebten und die andere Gruppe aus den Waldmön-chen, die im Ideal des Theravada-Buddhismus, abgeschirmt von den weltlichen Einflüssen meditierend im Wald lebten.33 Damit folgt aus der Sicht des Theravada aber, dass der Waldmönch viel eher in der Lage war durch Erlöschen aller Begierden, Gefühle und Empfindungen in das Nirvana einzugehen, also eine Erlösung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod zu erlangen, als der Dorfmönch. Der Dorfmönch führte sein Leben, um der Bevölkerung Weisheit und Spiritualität zu vermitteln. Dies war geeignet, den Menschen den Weg zur Überwindung von negativem Karma, den Folgen von Ursache und Wirkung, zu ermöglichen, damit auch diese sich in dem Kreislauf des Lebens auf den Weg zur Erlangung der Buddhaschaft begeben können. Darin wird das Mahayana-Ideal deutlich. Bekanntestes Beispiel eines Bodhisattva ist der Dalai Lama. Er wird von den Gläubigen sei-ner Schule als die Reinkarnation von Avalokitesvara angesehen, der Buddha des großen Mit-gefühls.34 Auf der Basis dieser Aussagen möchte ich an den kommenden Vortragsabenden die grundle-genden Lehren Buddhas insbesondere nach den Lehren Thich Nhat Hanhs und Fred von All-mens darstellen. 8
1. Fred von Allmen, Buddhismus, S. 25 f nachfolgend Fred von Allmen 2. Fred von Allmen, S. 27 3. Fred von Allmen, S. 28 4. Fred von Allmen, S. 72 5. Oliver Bottini, Das große O.W. Barth-Buch des Buddhismus, S. 15 nachfolgend Oliver Bottini 6. Fred von Allmen, S. 35 7. Oliver Bottini, S. 29 8. Oliver Bottini, S. 32 9. Oliver Bottini, S. 30 10. Oliver Bottini, S. 28 11. Fred von Allmen, S. 36 12. Fred von Allmen, S. 36, 37 13. Hermann Oldenberg, Die Reden des Buddha, 10. Die ersten Predigten, S.94 unten, nachfolgend Hermann Oldenberg 14. Fred von Allmen, S. 37 15. Oliver Bottini, S. 42 16. Oliver Bottini, Erläuterungen der Begriffe S. 481 17. Fred von Allmen, S. 35 f 18. Fred von Allmen, S. 207 19. Fred von Allmen, S. 207 20. Fred von Allmen, S. 207 21. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 54 22. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 51 23. Thich Nhat Hanh, Das Herz von Buddhas Lehre, S. 132 24. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 51 25. Thich Nhat Hanh, Kein Werden, kein Vergehen, S. 109 26. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 18 27. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 20 28. Thich Nhat Hanh, Schritte der Achtsamkeit, S. 21 29. Fred von Allmen, S. 59 f; H. Bechert und R. Gombrich, Der Buddhismus, Geschichte und Gegenwart, ab S. 293 30. Fred von Allmen, S. 61 - 64 31. Fred von Allmen, S. 42 32. Fred von Allmen, S. 42 f 33. H. Bechert und R. Gombrich, Der Buddhismus, Geschichte und Gegenwart, S. 160 34. Oliver Bottini, S. 263 Der Text ist von Torsten Bechhaus erstellt und nicht zur kommerziellen Nutzung freigegeben. Insoweit ist er urheberrechtliche geschützt. Eine unentgeltliche und nicht von kommerziellen Gesichtspunkten geprägte Weitergabe ist ausdrücklich unter Hinwies auf die Urheberschaft zulässig. D32600
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